Projekte 2011

Förderung von Roma-Kindern

Integration von Roma-Kindern

Roma sind eine der am meisten diskriminierten Minderheiten Europas. Sie sehen sich fast überall extremer Ausgrenzung und Missachtung ausgesetzt. Viele von ihnen wurden in den 1990er Jahren aufgrund der Kriege im ehemaligen Jugoslawien und Kosovo aus ihrer Heimat vertrieben und suchten auch in Deutschland Zuflucht. Doch hier fristen sie oftmals ein Leben am Rande der Gesellschaft. Darunter leiden besonders die Kinder.

Situation

Viele Roma-Familien leben in heruntergekommenen Gemeinschaftsunterkünften. Die hygienischen Verhältnisse sind dort oft schlecht, es gibt kaum Rückzugsmöglichkeiten und im Winter fällt häufig die Heizung aus.

Traumatische Erlebnisse erschweren das tägliche Leben

Dazu kommen die psychischen Belastungen: Auch wenn viele der Kinder in Deutschland geboren wurden und selbst nichts von der Flucht der Eltern mitbekommen haben, sind deren traumatischen Erlebnisse in Leben der Kinder allgegenwärtig. Zusätzlich zehrt der unsichere Aufenthaltsstatus an der Psyche. Sie könnten jederzeit abgeschoben werden.

Mit diesem Ballast versehen, ist der Start in eine erfolgreiche Zukunft von Anfang an sehr schwierig. Mangelnde Konfliktbewältigungsstrategien und fehlende Frustrationstoleranz stehen oft dem Besuch einer allgemein bildenden Regelschule entgegen.

Hier setzt die Kölner Organisation ROM e. V. an. Mit dem Projekt „Amaro Kher“ (das ist Romanes und bedeutet „unser Haus“) sollen die seelische Widerstandskraft und das Selbstwertgefühl der Kinder gefördert werden.

Förderung und Betreuung von Kleinauf

Neben der Betreuung der Kleinsten im Kindergarten und dem Unterricht in zwei Klassen, gibt es Förder- und Freizeitangebote am Nachmittag, drei gesunde Mahlzeiten und Schulbusse, mit denen die Kinder abgeholt werden. Der geregelte Tagesablauf vermittelt Sicherheit und hilft den Roma-Kindern soziale Beziehungen zu ihren Betreuern aufzubauen.

Der geregelte Tagesablauf vermittelt Sicherheit und hilft den Roma-Kindern soziale Beziehungen zu ihren Betreuern aufzubauen.

Unsere Hilfe

Ziel:

Besuch einer Regelschule und soziale Integration, unter Wahrung der eigenen Kultur und Tradition.

Zielgruppe:

Bis zu 30 Roma-Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren aus verschiedenen Kölner Flüchtlingsheimen und ihre Familien.

Maßnahmen:

  • Ganztagsbetreuung der Kinder unter dem Aspekt der Resilienzförderung (umfasst auch sport- und kunsttherapeutische Angebote)
  • Elterngespräche und Begleitung bei Behördengängen und Austausch mit anderen Institutionen (Jugendamt, Sozialamt usw.)
  • Gesundheitsförderung im Austausch mit einem ehrenamtlichen Kinderarzt und den Eltern, Begleitung zu Ärzten oder Therapeuten
  • Vernetzung mit anderen Institutionen (z.B. Jugendkunstschule, Sportvereine etc.)

Förderung:

Die UNO-Flüchtlingshilfe förderte Amaro Kher 2011 mit 10.000 Euro.

Interview

Interview mit der Lehrerin Sibylle Haag

Wie viele Kinder sind zurzeit bei Amaro Kher und wie alt sind sie?

Wir haben gerade zwei Klassen mit jeweils 12 Kindern, werden aber noch drei weitere Kinder aufnehmen, die neu in die Flüchtlingsheime gezogen sind. Meistens sind sie zwischen 6 und 14 Jahre alt, im Moment ist unsere älteste Schülerin bei Amaro Kher 13.

Und wie sieht es bei den Kindern zu Hause aus? Wo wohnen sie?

Alle Kinder leben in Gemeinschaftsunterkünften, verteilt auf sechs verschiedene Stadtteile. Sie leben in der Regel dort in Großfamilien zusammen. Man muss sich da so lange Gänge vorstellen in irgendwelchen ehemaligen Heimen oder Verwaltungsgebäuden, wo dann rechts und links lauter Zimmer abgehen und dann je nach Familiengröße zwei bis fünf Zimmer bewohnt werden. Ein Schlafzimmer gibt es zumeist nicht, nur auf dem Boden verteilte Matratzen. Das heißt, es gibt keine wirkliche Privatsphäre.

Wie groß ist denn die durchschnittliche Roma-Familie?

Auf jeden Fall größer als die durchschnittliche deutsche Familie. Wir hatten auch schon mal ein Einzelkind mit einer alleinerziehenden Mutter, aber die Norm ist so um die neun Kinder. Zusammen mit den Eltern – manchmal kommen auch Großeltern dazu – sind das dann mindestens elf Personen in maximal fünf Räumen!

Bei solch einer Vielzahl an Menschen auf so engem Raum stellt sich natürlich sofort die Frage nach den hygienischen Bedingungen. Wie ist der Zustand von Küchen, Toiletten und Waschräumen in den Unterkünften?

Entsetzlich!! Wenn man als Familie keine eigene Küche oder Toilette hat, dann weiß man halt nie genau, von wem der Dreck kommt. Die Verantwortlichkeiten werden hin und her geschoben. Kein Wunder, wenn in so engem Raum so viele Menschen in gemischten Unterkünften untergebracht sind.

Die privaten Räume, die nur der Familie gehören, die sind oft sehr schön und auch dekorativ und liebevoll gestaltet. Aber die Gemeinschaftsräume und auch die Flure – das ist kein Ort wo Kinder gesund aufwachsen können.

Woher stammen die Roma hier in Köln größtenteils?

Fast alle kommen aus Ex-Jugoslawien; also aus dem Kosovo, Bosnien, Mazedonien, Serbien. Viele sind vertrieben worden und haben eine lange Verfolgungsgeschichte hinter sich.

Neben dem Vertriebenen-Hintergrund gibt es sicherlich auch große Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung, oder?

Ja sicherlich! Während des Bürgerkriegs dort wurden sie von jeder Seite beschuldigt mit der anderen zu kooperieren. In solchen Zeiten wird ja immer jemand als Schuldiger gesucht, die Roma boten sich quasi als perfekter Sündenbock für jedermann an. Die haben alle ganz tief sitzende, über Generationen weitergegebene Diskriminierungserfahrungen.

Das merken wir auch daran, wenn wir mit den Kindern rausgehen, andere Schulen besuchen oder Gemeinschaftsprojekte mit anderen Kindern und Jugendlichen machen: Die Kinder sind von Anfang an davon überzeugt, dass sie bestimmt irgendwie beschimpft und ausgegrenzt werden, oder dass die anderen negativ über sie denken.

Und das wird dann so ein Selbstläufer, dass jeder komischen Blick, jedes Wort als Beschuldigung und Beschimpfung interpretiert wird und dann ganz schnell die Wogen hoch schlagen.

Wie viele der hier geförderten Kinder schaffen den Sprung in die Regelschule?

Da sind die Eltern besonders gefragt. Wenn die Kinder jeden Tag her kommen und auch die Hausaufgaben sorgfältig und regelmäßig machen, dann kommen sie auch relativ zügig direkt in die Grundschule. Die Kinder beispielsweise, die schon im Kindergarten bei uns waren, bei der Schuleingangsuntersuchung aber noch nicht als schulreif eingestuft wurden, haben sehr gute Erfolgsaussichten.

Wenn wir sie dann bei uns ein Jahr lang vorbereiten, dann wissen sie, wie man mit Schulmaterial umgeht, wie man sich an Gesprächsregeln hält, und dass man auch konzentriert und leise arbeiten muss. Die meisten der älteren Kinder können wir leider nur noch in die Förderschulen schicken, weil einfach zu viel Unterrichtsstoff in der Vergangenheit versäumt wurde. Das hat selten mit den geistigen Fähigkeiten zu tun; der Stoff ist schlicht oft nicht mehr aufholbar.

Können Sie uns ein Positivbeispiel nennen? Ein Kind, das es ins reguläre deutsche Schulsystem geschafft hat?

Ein Junge, der jetzt auf die Hauptschule geht, war zwei Jahre bei uns, nachdem er neu nach Deutschland eingereist ist. Als er zu uns kam war er neun Jahre alt. Er hat sehr fleißig Deutsch gelernt und den Grundschulstoff nachgeholt. Dann haben wir ihn zur Hauptschule geschickt, da war er ein Jahr in einer Vorbereitungsklasse und jetzt läuft er ganz regulär in Klasse 6 mit. Dass ist ein sehr schönes Beispiel, aber da muss auch ganz viel zusammenkommen, damit das klappt: Die Eltern müssen fördern und das Kind muss lernwillig sein.

Werden die Kinder, nachdem sie die Schule gewechselt haben, weiterhin von Ihnen betreut?

Schulisch nicht mehr. Wir bieten aber an, dass wir telefonisch immer erreichbar und ansprechbar sind, dass wir mit in die Heime gehen und mit den Eltern reden. Seit zwei Jahren gibt es auch ein Patenprojekt. In der Regel sind das Studenten, die erst mal zu uns kommen und die Kinder kennenlernen.

Je nachdem wie harmonisch es läuft wird das Ganze dann sukzessive nach außen verlagert: Die Patinnen üben verschiedene Freizeitaktivitäten mit den Kindern aus und helfen dann auch bei der Umschulung, indem sie zum Beispiel Schulmaterial kaufen oder Elternbriefe zuhause erklären. Da gab es schon sehr gute Erfolge. Leider haben wir da aber nicht so viele Patinnen, dass wir für alle Kinder jemanden hätten.

Bilder

Ferienprogramm bei Amaro Kher:
Hier werden Regenmacher gebastelt. (Foto: ROM e.V.)

Ferienprogramm bei Amaro Kher:
Ausflug zum Rhein mit anschließendem Marshmallow-Rösten am Lagerfeuer. (Foto: ROM e.V.)

Jeden Tag wird gemeinsam Mittag gegessen. (Foto: ROM e.V.)

Der gemeinsame Spielplatzbesuch macht allen viel Spaß.
(Foto: ROM e.V.)

Für die Kinder werden verschiedene AGs und Freizeitbeschäftigungen angeboten. (Foto: ROM e.V.)