Lejla aus Sarajevo

Sarajevo - 20 Jahre danach: Ein Kriegskind erinnert sich

Lejla Damon im Alter von drei Jahren in Großbritannien. (Foto: privat)
Lejla Damon im Alter von drei Jahren in Großbritannien. (Foto: privat)

Gekleidet in Jeans und einem blauen Blazer, sieht sie wie eine junge, modische Londonerin aus. Aber Lejla Damon ist keine gewöhnliche 19-Jährige.

„Ich bin an Weihnachten geboren“, sagt sie, streicht sich dabei durch ihr braunes Haar und fixiert mich mit ihren grünen Augen. „Es war 1992, im Hauptkrankenhaus in Sarajevo. Meine Mutter war eine bosnische Muslimin. Sie wurde für längerer Zeit von serbischen Soldaten in einem Konzentrationslager festgehalten. Neun Monate später brachte sie mich zur Welt. Sie hasste mich. Sie dachte ich wäre der Teufel. Sie glaubte, dass ich so sein werde wie der Mann, der sie missbraucht hatte. Sie wollte absolut nichts von mir wissen“, offenbart Lejla.

Es war ein unheilvoller Start ins Leben. Mitten hinein in die Belagerung von Sarajevo und den grausamsten Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende 200.000 Menschen tot und 2,7 Millionen auf der Flucht waren.

Kriegsreporter retten ihr Leben

1991 – lange bevor der erste Schuss in Bosnien abgefeuert wurde - arbeitete der BBC Journalist Dan Damon in Slowenien. Gemeinsam mit seiner Frau, der Fotografin Sian Damon, berichtete er über den 10-tägigen Unabhängigkeitskrieg und dessen Folgen.

Im folgenden Jahr schaffte es das Paar, nach Sarajevo zu reisen. Dort war Dan für sieben Tage der einzige Reporter für das westlich Fernsehen.

Das Paar war fest entschlossen in Sarajevo zu bleiben und darüber zu berichten, wie die 400.000 Einwohner der Stadt versuchten, den permanenten Beschuss von Artillerie, Scharfschützen, Raketen und Mörsern zu überleben. Tausende Zivilisten wurden beim Versuch Essen, Wasser oder Medizin zu besorgen, getötet oder verletzt.

Dan und Sian waren gerade dabei, über die Situation im städtischen Krankenhaus zu berichten, als sie Lejlas Mutter trafen, die ihnen erzählte, dass sie ihr Kind nicht behalten wollte. Wohl wissend, dass es illegal war, entschieden sich sich dazu, dass Baby außer Landes und in Sicherheit zu bringen.

„Ihnen war klar, dass es in Bosnien zu gefährlich für ein Baby war und sie wollten mich dort nicht alleine zurück lassen“, erklärte Lejla.

Ein neues Leben

Die beiden Reporter kannten sich mit gefährlichen Situationen aus. Doch ein Kind mit gefälschten Papieren aus dem Land zu schmuggeln und der anschließende jahrelange Kampf um die Adoption, war das Schwierigste, womit die beiden je konfrontiert waren.

Letztendlich gewannen sie den Sorgerechtsstreit und im Alter von drei Jahren, konnte ihre Flüchtlingstochter ein Leben in Großbritannien beginnen.

Lejla wuchs in Großbritannien auf, wusste aber stets um ihre Herkunft. Zweimal besuchte sie ihre Geburtsland. Letztes Jahr reiste sie zusammen mit ihren Eltern nach Sarajevo und traf dort sogar Präsidenten Bakir Izetbegovi?.

Obwohl sie die Sprache nicht spricht, hat sie eine starke Verbindung zu diesem Land: „Ich fühle mich in Sarajevo extrem entspannt. Eigentlich ist das sehr merkwürdig, denn ich habe das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, und die vielen Gräber gesehen... Man kann die Entwicklung sehen, doch es ist enttäuschend, dass noch so viel gemacht werden muss."

Sie denkt nicht darüber nach, was aus ihr geworden wäre, wenn Dan und Sian sie nicht in Sarajevo gefunden hätten. „Ich hatte eine sehr schönes Leben, eine gute Ausbildung und viel Spaß. Ich konnte alles tun, was kleine Kinder gerne machen. Ich bin meinen Eltern unheimlich dankbar“, vertraut sie uns an.

Lejla hat viel darüber nachgedacht, ihre leiblich Mutter zu finden. „Ich bin nicht sicher, ob es gut wäre. Besonders für jemanden in ihrer Situation. Ich möchte sie nicht an Vergangenes erinnern. Ich wurde unter schrecklichen Umständen gezeugt und wenn sie sagen würde, „Nein, ich will sie nicht sehen“, ich glaube, das würde mich hart treffen. Ich glaube nicht, dass ich dazu bereit bin.“

Eine prägende Lebenserfahrung

Mit einer solchen Vergangenheit zu leben, trennt sie von ihren Altersgenossen. „Es ist schon sehr seltsam. Leute in meinem Alter haben keine Ahnung, wo Bosnien überhaupt liegt. Sie wissen nicht viel über den Krieg. Viele von ihnen wurden erst geboren, als es passierte.... Schwierig finde ich auch ihre Meinung über Flüchtlinge und Asylsuchende. Ich denke, dass sie manchmal zu voreingenommen sind. Viele in meinem Alter sind Flüchtlingen gegenüber häufig sehr ablehnend. Und wenn ich sie frage: „Was ist mit mir? Wie stehst Du zu mir?“, sagen sie meist: „Nein, Du bist anders.“ Ich finde es sehr traurig, dass die Menschen so ignorant sind.“

Zurzeit studiert Lejla Marketing. Sie ist eloquent und interessiert sich leidenschaftlich für Politik und Weltgeschehen. Sie hofft, eines Tages Kriegsfotografin zu werden – wie ihre Mutter.

"Ich will die Welt sehen, und nicht nur die schönen Seiten. Ich möchte helfen. Das ist definitiv der Einfluss meiner Eltern", schließt Lejla unser Interview ab.

Ihre nächste Reise nach Bosnien ist schon geplant und es ist schwer, sich ein besseres Ergebnis für das Weihnachts-Kriegs-Baby vorzustellen.

Das Interview führte Laura Padoan (UNHCR-Büro London)

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Rückblick auf UNHCRs Hilfe in Bosnien

Zwischen 1992 und 1996, koordinierte UNHCR die am längsten andauernde humanitäre Luftbrücke der Geschichte. 160.00 Tonnen Nahrungsmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter wurden mit mehr als 12.000 Flügen nach Sarajevo geliefert. Zudem wurden über die Luftbrücke mehr als 1.100 Zivilisten evakuiert, die dringend medizinische Versorgung benötigten.

UNHCR hilft noch heute zehntausenden Opfern des Konflikts.