Mariam aus Pakistan

Leben im Flüchtlingslager

Flüchtlingsfrau mit Kind
Das Leben im Flüchtlingslager stellt für muslimische Frauen eine besondere Herausforderung dar. (Foto: H.Caux)

Für viele Jahre war Mariam, die aus dem Swat Tal in Pakistan stammt, an Traditionen gebunden. Als Mutter von sechs Kindern verbrachte die Tage im Haus und sorgte sich um die Familie. Sie konnte sich nicht ausmalen, wie sehr sich ihr Leben verändern würde, als die Kämpfe zwischen der Regierung und den Taliban auch ihr Dorf erreichten.

Im Mai 2009 kamen die Bomben immer näher, so dass die Familie durch die zerklüftete Gegend in sicherere Regionen im Süden der Provinz floh.

„Stellen Sie sich vor, ich lebte für viele Jahre ausschließlich in unserem Haus in Swat und plötzlich musste ich über Berge klettern – das war sehr neu für mich“, erzählt Mariam in der neuen Bleibe der Familie: einem Zelt im Flüchtlingslager Yar Hussain, im Swabi Distrikt der North West Frontier Province (NWFP).

„Ich erinnerte mich daran, wie es war als ich ein kleines Mädchen war und ich frei herumlaufen konnte“, erinnert sich die 28-Jährige. „Aber als ich älter wurde, konnte ich nicht mehr rausgehen. Als ich diese Berge vor einigen Wochen erklomm, war ich überwältigt, wie sehr sich die Situation verändert hatte.“

Mariam ist eine von zehntausenden Frauen, deren Leben durch die Kämpfe zwischen Armee und Taliban völlig auf den Kopf gestellt wurde.

Das Bombardement war traumatisch

Meine Kinder weinten die ganze Zeit“, sagt Mariam. „Der Lärm erschreckte sie furchtbar. Ich steckte ihnen Watte in die Ohren, um sie zu beruhigen. Wir dachten die ganze Zeit nur an eins: wir müssen unsere Kinder retten, wir müssen sie an einen sicheren Platz bringen.“

Und trotzdem ließ Mariam in all der Hast eins der Kinder zurück. „Ich dachte, ich hätte ihn [ihren ein Monate alten Sohn, Noor Zaman] in einer Decke, die ich in meinen Armen trug, aber er war nicht da“, erinnert sie sich mit Tränen in den Augen. „Während der Flucht fragte mein Mann, ob ich unseren Sohn dabei hätte und ich merkte, dass er nicht da war. Wir rannten zurück zum Haus, um ihn zu holen.“

Die Familie schaffte es bis nach Buner, einem Distrikt südlich von Swat, nachdem sie 2.500 Rupien (40 US-Dollar) für den Bus bezahlt hatten. Nach zwei Wochen mussten sie weiter, weil die Familie, bei der sie gewohnt hatten, nun selbst fliehen musste.

Mariams Familie lief sechs Stunden bis zum Flüchtlingslager Yar Hussain. Jetzt ist die Familie sicher. Sie haben ein Dach über dem Kopf und bekommen etwas zu Essen.

Leben im Flüchtlingslager

Obwohl es der Familie nun besser geht, stellt das Leben in dem staubigen Lager Mariam und andere traditionelle muslimische Frauen vor besondere Herausforderungen.

Zuhause im Swat Tal war das Haus von einer hohen Mauer (Purdah) umgeben, um die Ehre der Frauen drinnen zu schützen. Mariam sagt, dass sie seit ihrer Kindheit nie mehr einkaufen gegangen sei oder ein Picknick gemacht hätte.

„Wir durften nur zu besonderen Anlässen das Haus verlassen, zum Beispiel für eine Hochzeit, eine Beerdigung oder für einen Arztbesuch. Ich trug eine Burka und musste von einem männlichen Verwandten begleitet werden. Mein Mann brachte mir alles, so dass ich mich nie außerhalb der Mauern unseres Hauses wagen musste.” Sie fügt hinzu: „Das ist unsere Kultur.“

Aber im Lager kann Mariam es nicht umgehen, sich aus dem Zelt herauszuwagen, um sich um ihren kranken Schwiegervater zu kümmern oder zum Arzt zu gehen. Unglücklicherweise konnte sie ihre Burka auf der Flucht nicht mitnehmen, so dass sie nicht einmal richtig bedeckt ist, wenn sie unterwegs ist.

"Ich fühle mich sehr unwohl ohne die Burka im Flüchtlingslager“, sagt sie mir. „Hier sind viele Männer, die ich nicht kenne.“ Mariam bleibt in ihrem heißen Zelt so lange es geht. Weil sie tagsüber nicht oft genug zur Toilette gehen, werden sie und andere Frauen wegen schmerzhafter Nierenprobleme behandelt.

„Es ist sehr heiß hier“, gesteht Mariam. Sie hat ihre Mutter in sieben Wochen nur einmal gesehen, obwohl sie in einem Zelt in der Nähe wohnt.

Um den Frauen zu helfen, hat UNHCR Plastikplanen um mehrere Zelte gespannt - als Ersatz für die fehlenden Purdah-Mauern, die die Privatsphäre der Frauen und Mädchen schützen. Einige Familien haben sich eigene Purdah-Mauern um einzelne Zelte gebaut.

Mariams Ehemann Shaukat ist sehr besorgt, wenn sie ausgeht. „Er hat Angst, ich würde mich im Lager verlaufen.“

Shaukat erklärt, dass er und seine Familie die Schilder im Lager nicht lesen können und sich leicht in Yar Hussain verlaufen könnten. Und er bekräftigt noch einmal, dass er seine Frau schützen will. „Es gibt unterschiedliche Stämme hier im Lager. Ich möchte nicht, dass sich meine Frau einer Gefahr aussetzt. Tagsüber laufen im Lager viele Männer herum. Und nicht jeder ist ein Gentleman."

Mariam schaut mich an und zeigt mir ihren Ausweis. Darauf ist kein Bild von ihr, nur ihre Fingerabdrücke. „Können Sie sich das vorstellen? Ich bin jetzt 28 Jahre alt und von mir wurde noch nie ein Foto gemacht. Kein einziges in meinem ganzen Leben.“

Mariam nimmt ihren Sohn Noor Zaman, der mittlerweile drei Monate alt ist, in ihre Arme und schaukelt ihn hin und her. Später wird sie in dem nahe gelegenen Zelt nachschauen, wie es ihrem Schwiegervater geht. Dann kommt sie wieder in ihr eigenes Zelt und erträgt die Hitze und hofft darauf, dass sie eines Tages wieder in ihr Dorf in Swat zurückkehren kann, wo es viel kühler ist und wo sie mit ihren Kindern im Hof spielen kann - hinter hohen Mauern.

Bericht von UNHCR-Mitarbeiterin Hélène Caus aus dem Flüchtlingslager Yar Hussain in Pakistan im Sommer 2009.