Ukraine

Überleben im Keller

Seit dem Beginn der Kämpfe in ihrer Stadt vor einem Jahr haben sich mindestens tausend Einwohner von Donezk in ihre Keller geflüchtet. Dort harren sie aus zwischen Gartengerät und Einmachgläsern zu ängstlich, um nach draußen zu gehen. Die Raketen fallen noch immer.

Einen Monat lang haben die Bewohner der Kozareva Straße 82A im Dunkeln gelebt - haben geputzt, Leitungen verlegt, die Abflussrohre in Ordnung gebracht - um die vielen Kellerräume bewohnbar zu machen. Jetzt sind sie besser dran, als andere Menschen, die in Kellern ausharren: sie haben Strom und Heizung.  Sie sagen, es sei eine freundlicher Umgang. Die Leute helfen sich gegenseitig, teilen die Lebensmittel.

Wenn die Gefechte aufhören, klettern sie nach draußen, um Licht zu sehen und um in den zerstörten Wohnungen aufzuräumen. Sie kehren die Trümmer weg, bringen Plastikplanen in den zerstörten Fenstern an. Und im Herbst ernten sie Gemüse in den kleinen Gemüsegärten und machen sie für den Winter ein. Das dauert alles lange, weil sie immer wieder in die Keller flüchten müssen, wenn die Artilleriefeuer wieder anfangen.

Ich folge Nikolai in die Kellergewölbe - Treppe runter, rechts, dann links durch ein graues Labyrint aus Backstein und Zementgängen, beleuchtet von einer nackten Glühbirne.

Nikolai

Nikolai schließt seine Tür auf und tritt in einen düsteren kleinen Raum. Hier wohnt er: ein Raum voller Erinnerungen an Schmerzen und Verlust.

Im Juli 2014 wurde die Bombardierung stärker. Nikolai floh mit seiner Mutter aus der Wohnung oben, wo alle Fenster herausgebombt waren, in den Keller. Das Leben unter der Erde lähmte die Mutter  - vor lauter Angst konnte sie die Beine nicht mehr bewegen. Im Oktober brachte Nikolai seine Mutter wieder in die Wohnung und legte sie dort in ihr Bett. Zwei Monate litt sie bis sie am 6. Dezember schließlich starb.“Das war alles wegen dem Stress,” sagt Nikolai. “Sie hatte Herzprobleme und wahrscheinlich einen Schlaganfall. Ich rief die Ärztin; sie kam und sagte uns, wir sollten uns auf ihren Tod vorbereiten.”

Katia

Katia ist 76. Sie schläft auf einer alten Badewanne im Keller ihres Apartmentblocks in Donezk. In der Badewanne sind Katias Sachen verstaut, darüber liegt eine Holzplatte mit einer dünnen Matratze. Das sei nicht gerade bequem, sagt Katia,  aber allemal besser als auf der Straße zu schlafen.

50 Jahre lang hat Katia in einer Asphaltfabrik gearbeitet, sie per Hand Asphalt geschaufelt und verteilt. Stolz zeigt sie uns die Einmachgläser mit Gemüse, Gurken und Kirschen, die auf dem Kellerregal stehen.

Sie besteht darauf, dass ich ein Glas mit Gurken nehme. Als ich protestiere und sage, sie bräuchte sie dringender als ich, wehrt sie ab: "Nein, nein. Und nimm´ auch noch ein Glas mit Tomaten."  Als wir die Kellertreppe nach oben steigen, kommt Katia hinter uns her, in der Hand ein großes Glas mit Himbeeren. “Du brauchst auch noch etwas Süßes,” sagt sie zum Abschied.

Das ist nicht nur Würde, denke ich, das ist Großzügigkeit unter großem Druck.

Oksana

Oksana, 40, zog in den Keller ihres Wohnblocks als die Kämpfe im vergangenen Juli immer näher kamen. Sie hat Licht und eine kleine Heizung, aber sie hat auch immer Angst. Als wir sie fragen, wie sie zurechtkommt, bricht sie in Tränen aus. "Ich habe große Angst. Ich habe zu viel Angst, um rauszugehen, irgendwo hinzugehen."

Anna, eine Nachbarin erzählt: “Wenn die Raketen einschlagen, wackelt das Haus. Und wir zittern. Ich bete zu Gott.”