Flüchtlingsberatung in Brandenburg

"Nur wer selbst nicht in Not ist, kann Menschen in Not helfen"

Beraterbüro für Flüchtlinge
Besonders traumatisierte Flüchtlinge brauchen Hilfe beim Asylverfahren.

Ksenia Yakovleva ist Sozialarbeiterin im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Dort arbeitet sie für die beiden kooperierenden Einrichtungen "Zentrum Überleben - Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste" und "Diakonisches Werk Niederlausitz e.V.". Beide Einrichtungen werden von der UNO-Flüchtlingshilfe gefördert.

Im Interview berichtet sie über ihre Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen:

Was sind Ihre Aufgaben?

Viele Flüchtlinge sind sehr verunsichert, oftmals wissen sie kaum, was das Asylverfahren genau ist und was sie in Deutschland erwartet. Zu meinen Aufgaben gehört es, sie über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären und sie über das Asylverfahren zu beraten.

Im Vordergrund meiner Arbeit steht dabei der psychische Zustand einer Person. Wenn Flüchtlinge in meine Sprechstunde kommen, dann haben sie meistens verschiedene psychische Beschwerden, die sie nicht verstehen und die ihnen auch Angst machen. Viele dieser Menschen leiden unter einer psychischen Traumatisierung, d. h. einer psychischen Reaktion auf schlimme, lebensbedrohliche Erlebnisse.

Ich nehme die Symptome auf und erkläre den Betroffenen im Rahmen meiner Möglichkeiten, was sie bedeuten. Wenn ich denke, dass jemand psychologische Beratung oder eine Psychotherapie benötigt, versuche ich für diese Person einen passenden Therapieplatz zu finden.

Der psychische Zustand einer Person spielt auch eine große Rolle im Asylverfahren. Manchmal geht es einer Person psychisch so schlecht, dass sie sich nicht in der Lage fühlt, die Anhörung durchzustehen. Manchmal begleite ich dann Flüchtlinge zu der Anhörung, wenn sie mich darum bitten.

Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag beschreiben?

Die Arbeit mit Flüchtlingen ist sehr intensiv und geht einem sehr nahe. Anfangs konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, was es heißt, sich tagtäglich mit den Schicksalen von Flüchtlingen zu beschäftigen. Aber auch wenn sie mittlerweile zu meinem Alltag gehören, ist es für mich jeden Tag aufs Neue eine große Herausforderung, sich die Geschichten der Flüchtlinge anzuhören und dabei souverän und neutral zu bleiben.

Warum ist es so wichtig, dass der psychische Zustand eines Flüchtlings im Asylverfahren berücksichtigt wird?

Im Asylverfahren müssen alle Gründe berücksichtigt werden, aus welchen eine Person aus ihrem Land geflohen ist bzw. nicht wieder dorthin zurück kehren kann. Dabei stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auch die Frage, ob dem Flüchtling bei einer Rückkehr in sein Heimatland Gefahr für Leib und Leben droht.

Gefahr für Leib und Leben kann auch Gefahr für die Gesundheit bedeuten, dazu gehört auch die psychische Gesundheit. Ein Traumatisierter darf nicht gegen seinen Willen dorthin zurückkehren, wo das Trauma passiert ist – alleine die Angst, dass etwas Schreckliches nochmals passieren könnte, hat – unabhängig von der realen Gefahr – eine retraumatisierende Wirkung und kann zu einer enormen Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes des Betroffenen führen.

Aber auch die Behandlungsmöglichkeiten einer posttraumatischen Belastungsstörung sind in den meisten Herkunftsländern sehr begrenzt. Zudem würde die Angst vor erneuter Verfolgung oder Misshandlung eine Behandlung so gut wie unmöglich machen.

Damit diese Aspekte im Asylverfahren berücksichtigt werden, sind entsprechende psychologische Stellungnahmen notwendig.

Was ist Ihr Hauptziel?

Das Hauptziel ist es, den Betroffenen eine angemessene psychosoziale Betreuung und ggf. auch eine Psychotherapie zu ermöglichen. Das ist oft sehr schwer, denn unsere Möglichkeiten sind leider sehr begrenzt und es gibt viel mehr Flüchtlinge, die aufgrund ihrer schweren Traumatisierung eine Behandlung benötigen, als wir versorgen können. Es ist auch schwer, einen niedergelassenen Psychologen oder eine andere Einrichtung zu finden, die den Betroffenen aufnehmen könnte, da die Arbeit mit dieser Zielgruppe besonders herausfordernd ist.

Wo sehen Sie das größte Problem?

Nur ein sehr geringer Anteil der Flüchtlinge bekommt überhaupt die Chance auf eine Betreuung. Viele Flüchtlinge schaffen es aufgrund ihrer psychischen Belastung erst gar nicht bis zu einer Beratungsstelle.

Das größte Problem sehe ich jedoch darin, dass es zu wenige unabhängige Beratungsstellen und Psychosoziale Zentren gibt bzw. die meisten derartigen Einrichtungen chronisch unterfinanziert sind. Es fehlt einfach das Geld, um noch jemanden einzustellen. Selbst wenn wir also um den Bedarf eines Flüchtlings nach einer Psychotherapie wissen, können wir oftmals nur sehr wenig für ihn tun.

Was macht Ihren Job schwierig?

Man hat man oft nur sehr begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Es  ist schwer auszuhalten, dass ich manchmal nichts gegen die Abschiebung eines Flüchtlings tun kann oder keine Möglichkeit finde, für ihn eine Psychotherapie zu organisieren.

Was motiviert Sie?

Die Kraft der Menschen, die all die Strapazen der Flucht auf sich genommen haben. Wenn ich etwas Gutes für diese Menschen erreichen kann, ist es ein schönes Gefühl.

Was sind für Sie die schlimmsten Erfahrungen?

Der alltägliche Rassismus, den man überall finden kann. Kaum zu glauben, wie sehr das noch in den Köpfen verankert ist. Unsere Gesellschaft hat leider immer noch Angst, die Flüchtlinge würden ihnen etwas wegnehmen. Seien es die Arbeitsplätze, Geld oder Wohnräume. Dass es nicht ein Gnadenakt ist, einen Flüchtling aufzunehmen, sondern dass es ein grundlegendes Menschenrecht ist, ein Leben in Würde zu führen, möchten die meisten nicht wissen.

Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass Flüchtlinge und ihre Lebenssituation in Deutschland mehr Präsenz in der Öffentlichkeit bekommen, damit auch die Politik dementsprechend reagieren muss. Die Gesellschaft muss für dieses Thema stärker sensibilisiert werden.