Augenzeugenbericht

Erdbeben in Nepal

Deepesh - UNHCR-Helfer in Nepal
Deepesh Das Shrestha - UNHCR-Mitarbeiter in Nepal. (Foto: privat)

UNHCR-Mitarbeiter Deepesh Das Shrestha lebt mit seiner Familie in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Das verheerende Erdbeben am 25. April 2015 hat er glücklicherweise unbeschadet überlebt. Doch seit diesem Tag ist Nichts mehr wie es war. Hier berichtet er über den schlimmsten Tag seines Lebens, die UNHCR-Nothilfe und was ihn persönlich antreibt weiterzumachen:

Wo warst Du als die Erde bebte? Wie ging es Dir und was ist genau passiert?

Es war Samstag und ein Feiertag in Nepal. Ich war gerade im Wohnzimmer mit meiner dreijährigen Tochter Mrinal. Als es anfing, war ich zuerst nur ein bisschen beunruhigt. Als es dann immer heftiger wurde, begriff ich, dass das ein Erdbeben ist. Ich habe mich auf den Boden geworfen, meine kleine Tochter fest an mich gedrückt und gehofft, dass das Beben aufhört.

Meine Mutter und meine Frau riefen “Erdbeben” und ich schrie, sie sollten sich hinlegen und ihre Köpfe schützen. Meine Frau begann zu weinen, weil es immer weiter ging  – es fühlte sich furchtbar lang an. Ich hörte, wie sie sagte "lieber Gott mach, dass das Beben uns nicht tötet." Es war ziemlich laut – die Glühbirnen wackelten und wir konnten hören, wie alles in der Küche aus den Regalen fiel. Gläser und Teller krachten auf den Boden. Aber wir hatten Glück. Unser Haus blieb heil.

Als es aufhörte, rannten wir sofort nach Draußen. Alle waren auf den Straßen und alle waren geschockt und voller Panik. Keiner wusste, was geschehen war und was kommen würde. In der Nachbarschaft war viel kaputt gegangen und man sah nur noch Zerstörung. Ich erinnere mich, dass ich nicht verstand, was geschah – ich begriff nicht, was wir gerade erlebt hatten. Mein Kopf war leer.

Wie viel ist kaputt gegangen?

In den ersten Stunden nach dem Erdbeben, blieben wir Draußen. Nach etwa 3-4 Stunden hatten wir uns alle etwas beruhigt und ich begann an die Arbeit und die Menschen in der Stadt zu denken. Ich lebe in Kathmandu und es gab viele Gerüchte. Alle sprachen davon, dass viele Menschen getötet worden waren. Ich wollte herausfinden, was los war. Also nahm ich mein Fahrrad und fuhr ins Zentrum. Schnell war klar, dass es schlimm war: Historische Plätze, Tempel, Torbögen, Wohnhäuser - alles war komplett zerstört.

Alle hatten Angst vor Nachbeben und selbst wenn die Häuser noch standen, blieben alle Draußen. Es herrschte das pure Chaos. Überall fuhren Krankenwagen, die Feuerwehr versuchte durchzukommen, die Polizei und sogar Soldaten waren gekommen. Die Leute standen unter Schock.

In den folgenden Tagen kamen immer mehr Berichte über die Zerstörung in anderen Teilen des Landes. Noch immer sind viele Regionen nicht zu erreichen. Es gibt viel zu tun und wir wissen, dass die Menschen dort unsere Hilfe dringend brauchen.

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  • (Foto: UNHCR)
    Provisorische Unterkünfte nach dem Erdbeben
    (Foto: UNHCR)
  • Eine Frau steht vor den Ruinen ihrer Heimatstadt.<br><br>(Foto: UNHCR)
    Eine Stadt in Trümmern
    Eine Frau steht vor den Ruinen ihrer Heimatstadt.

    (Foto: UNHCR)
  • Während Armee und Polizei im Hintergrund ein historisches Denkmal der Stadt Patan Durbar vom Schutt befreien, füllen Einheimische ihre Wasservorräte auf.<br><br>(Foto: UNHCR/B.Sokol)
    Denkmäler in Schutt und Asche
    Während Armee und Polizei im Hintergrund ein historisches Denkmal der Stadt Patan Durbar vom Schutt befreien, füllen Einheimische ihre Wasservorräte auf.

    (Foto: UNHCR/B.Sokol)
  • Die 12-jährige Nanu Tatya steht vor Trümmern eines eingestürzten Hauses in Bhaktapur, einer Stadt die am Stadtrand von Kathmandu liegt. Nanu hat Angst vor Nachbeben. Sie ist immer noch schockiert von den Ereignissen der letzten Tage. Ihre Verwandten berichteten, dass das Haus ihrer Familie einstürzte und das kleine Mädchen nun in einem Zelt lebt.<br><br>(Foto: UNHCR/B.Sokol)
    Verlust der Lebensgrundlage
    Die 12-jährige Nanu Tatya steht vor Trümmern eines eingestürzten Hauses in Bhaktapur, einer Stadt die am Stadtrand von Kathmandu liegt. Nanu hat Angst vor Nachbeben. Sie ist immer noch schockiert von den Ereignissen der letzten Tage. Ihre Verwandten berichteten, dass das Haus ihrer Familie einstürzte und das kleine Mädchen nun in einem Zelt lebt.

    (Foto: UNHCR/B.Sokol)
  • Mishri Tatya, 40 steht neben ihrem Ehemann Chandra Gopal Tatya, 49. Er hält seinen kleinen Enkel Sudip Tatya in Bhaktapur in den Armen. Die drei entkamen nur knapp einem einstürzenden Haus. <br><br>(Foto: UNHCR/B.Sokol)
    Dem Tod entkommen
    Mishri Tatya, 40 steht neben ihrem Ehemann Chandra Gopal Tatya, 49. Er hält seinen kleinen Enkel Sudip Tatya in Bhaktapur in den Armen. Die drei entkamen nur knapp einem einstürzenden Haus.

    (Foto: UNHCR/B.Sokol)
  • Sapana Suwal’s kleiner Junge ist gerade 2 Monate alt geworden. Er schläft in einem Zelt Krizal in Bhaktapur, was sich die Familie mit 80 anderen Menschen teilt. Seit dem Erdbeben traut sich Sapana nicht mehr zurück nach Hause. <br><br>(Foto: UNHCR/B.Sokol)
    Angst vor Nachbeben
    Sapana Suwal’s kleiner Junge ist gerade 2 Monate alt geworden. Er schläft in einem Zelt Krizal in Bhaktapur, was sich die Familie mit 80 anderen Menschen teilt. Seit dem Erdbeben traut sich Sapana nicht mehr zurück nach Hause.

    (Foto: UNHCR/B.Sokol)
  • (Foto: UNHCR)
    Notunterkünfte in ländlichen Regionen
    (Foto: UNHCR)
  • Die UNHCR-Plane bietet Schutz bis noch mehr provisorische Unterkünfte geliefert werden.<br><br>(Foto: UNHCR)
    UNHCR verteilt Planen
    Die UNHCR-Plane bietet Schutz bis noch mehr provisorische Unterkünfte geliefert werden.

    (Foto: UNHCR)
  • Viele Menschen stehen nach dem Erdbeben vor dem Nichts. Sie haben ihren gesamten Besitz verloren.<br><br>(Foto: UNHCR)<br>
    Das Leben nach dem Erdbeben
    Viele Menschen stehen nach dem Erdbeben vor dem Nichts. Sie haben ihren gesamten Besitz verloren.

    (Foto: UNHCR)
  • Viele Menschen haben ihre Häuser verloren und leben nun unter freiem Himmel oder in Zeltlagern. UNHCR ist im Erdbebengebiet und verteilt Plastikplanen an die Menschen, um Unterkünfte zu bauen und Schäden auszubessern. <br><br>(Foto: UNHCR)
    Zerstörte Heimat
    Viele Menschen haben ihre Häuser verloren und leben nun unter freiem Himmel oder in Zeltlagern. UNHCR ist im Erdbebengebiet und verteilt Plastikplanen an die Menschen, um Unterkünfte zu bauen und Schäden auszubessern.

    (Foto: UNHCR)
  • Die UN-Organisation leistet erste Hilfe, da sie schon seit vielen Jahren in Nepal arbeitet und sich Mitarbeiter und Hilfsgüter vor Ort befinden.<br><br>(Foto: UNHCR)
    UNHCR hilft vor Ort
    Die UN-Organisation leistet erste Hilfe, da sie schon seit vielen Jahren in Nepal arbeitet und sich Mitarbeiter und Hilfsgüter vor Ort befinden.

    (Foto: UNHCR)
  • Noch immer ist die Situation an vielen Orten dramatisch. Neben der Versorgung von Verletzten und die Unterbringung von Obdachlosen ist der Wiederaufbau der Infrastruktur - u.a. Wasser und Strom - eine der großen Herausforderungen für die Hilfsorganisationen. Gleichzeitig sind die Orte außerhalb der Hauptstadt Kathmandu nur schwer zu erreichen.<br><br>(Foto: UNHCR)
    Situation bleibt kritisch
    Noch immer ist die Situation an vielen Orten dramatisch. Neben der Versorgung von Verletzten und die Unterbringung von Obdachlosen ist der Wiederaufbau der Infrastruktur - u.a. Wasser und Strom - eine der großen Herausforderungen für die Hilfsorganisationen. Gleichzeitig sind die Orte außerhalb der Hauptstadt Kathmandu nur schwer zu erreichen.

    (Foto: UNHCR)
  • Über 100 Helfer arbeiten in Nepal. Sie helfen bei den Aufräumarbeiten, errichten Unterkünfte für Betroffene und verteilen Hilfsgüter.<br><br>(Foto: UNHCR)
    Wiederaufbau
    Über 100 Helfer arbeiten in Nepal. Sie helfen bei den Aufräumarbeiten, errichten Unterkünfte für Betroffene und verteilen Hilfsgüter.

    (Foto: UNHCR)
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Was wird im Moment am meisten gebraucht?

Außerhalb von Kathmandu konzentriert sich UNHCR auf die Menschen, die am stärksten betroffen sind. Sie leben in sehr armen, abgeschiedenen Regionen. Diese Menschen werden es in den kommenden Monaten sehr schwer haben, ohne Häuser und richtige Unterkünfte. Es gibt auch Probleme mit der Wasser- und Gesundheitsversorgung. Wir sind sehr besorgt, dass Krankheiten ausbrechen. Zudem steht der Monsun quasi vor der Tür. Wenn die Menschen nicht bald ein Dach über dem Kopf haben, wird die Situation noch schlimmer.

Wie leben die Familien jetzt?

Da wo es am Schlimmsten ist, liegen über 50 Prozent der Häuser in Schutt und Asche. Die Menschen leben unter freiem Himmel oder in Zelte gepfercht. Sie können mit wenig Essen auskommen aber Draußen zu sein ist schwierig, denn nachts wird es sehr kalt.

Per Hilfslieferung kommen immer mehr Zelte an, aber wir wissen, dass die Leute Planen bevorzugen, um sich damit und Resten der Häuser eigene Unterkünfte zu bauen.

Was tut UNHCR?

Wir konzentrieren uns auf die Unterkünfte. UNHCR hat bislang schon zehntausende Plastikplanen und mehrere tausend Solarlampen verteilt. Weitere Hilfslieferungen sind auf dem Weg. Vor dem Erdbeben hat UNHCR in Nepal den Flüchtlingen aus Buthan geholfen. Glücklicherweise waren die Flüchtlingslager vom Erdbeben nicht betroffen und für die ersten Hilfsmaßnahmen konnten wir Material nutzen, dass für die Flüchtlingsarbeit gelagert wurde.

Welche Schwierigkeiten gibt es?

Die logistischen Herausforderungen sind riesig. Die meisten Erdbebenopfer leben in abgelegenen Regionen und Erdrutsche blockieren die Straßen und viele Landesteile sind nicht zugänglich. Zum Glück haben wir im ganzen Land Hilfsgüter gelagert, so dass sie in den betroffenen Distrikten verteilt werden konnten. Auch das Wetter ist ein Problem: denn mit schlechtem Wetter erhöht sich die Gefahr von weiteren Erdrutschen.

Warum arbeitest Du weiter? Warum ist es wichtig zu helfen?

Ich kann das nicht in Worte fassen, welche Gefühle das Erdbeben in mir ausgelöst hat. Auch jetzt noch, Tage danach, wird mein Kopf plötzlich leer, wenn ich daran denke, was passiert ist und dann versuche ich, mich zu konzentrieren und mich daran zu erinnern, was ich tue und was ich tun soll und tue es dann. Es gibt viele Nachbeben und man ist nie richtig ruhig. Sogar hier im Büro müssen wir manchmal raus rennen. Wir werden noch lange daran denken und es nicht vergessen.

Es gibt so viele Menschen, die Opfer des Erdbebens geworden sind und bei UNHCR haben wir jetzt die Möglichkeit etwas für das Wohlergehen von allen zu tun. Das ist, was mich an der Stange hält, Tag und Nacht. Ich will ihren Schmerz und ihren Kampf teilen und ihnen vielleicht irgendetwas geben, das ihr Leben verbessert. In diesen schwierigen Zeiten bin ich zufrieden, weil UNHCR wirklich hilft.

Wie können Spenden helfen?

Jede Unterstützung ist jetzt wichtig. Jeder der spendet, sogar nur ganz kleine Beträge, können das Leben der Menschen verbessern. Dies ist eine riesige Katastrophe und viele Menschen brauchen Hilfe. Die Menschen haben alles verloren – Familienangehörige, ihren Besitz, sie haben Nichts mehr – Nepal wird wieder von vorne anfangen müssen. Jede Spende hilft UNHCR den Familien zu helfen, die vom Erdbeben am meisten getroffen wurden. Ich hoffe, dass die Menschen sich weiter engagieren und uns nicht vergessen.

Möchtest Du sonst noch etwas sagen?

Danke! Danke an all die großzügigen Spender, die UNHCR bislang unterstützt haben und uns ermöglichen, hier zu helfen. Es ist eine große Beruhigung zu wissen, dass Menschen auf der ganzen Welt hinter uns stehen und uns helfen wollen.

 

Wenn auch Sie etwas für die Menschen in Nepal tun wollen: