Nachhaltige Hilfe im Tschad

"Wir dürfen die lokale Bevölkerung nicht vergessen"

Bettina Schulte - UNHCR
Bettina Schulte arbeitet bereits seit vielen Jahren für UNHCR. (Foto: privat)

Der Tschad gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Trotz der immensen Probleme, mit denen das Land konfrontiert ist, haben dort fast eine halbe Million Flüchtlinge Aufnahme gefunden. UNHCR-Mitarbeiterin Bettina Schulte, die bis April 2015 in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena gearbeitet hat, berichtet von der aktuellen Situation, ihren Eindrücken und Erfahrungen:

Es ist bestimmt eine große Herausforderung für euch, im Tschad Flüchtlingen zu helfen? In einem bitterarmen Land, das nur eine geringfügig entwickelte Infrastruktur hat.

In der Tat. Neben den ganzen strukturellen Problemen kommt erschwerend hinzu, dass die Sicherheitslage sehr angespannt ist. Der Tschad ist umzingelt von Krisen, in der Zentralafrikanischen Republik, in Nigeria, Libyen und im Sudan. Auch der Norden von Kamerun wird vermehrt Zielscheibe von Anschlägen. Man weiß nie, was im nächsten Moment passieren wird. Und das alles gekoppelt mit den chronischen Problemen, wie die grassierende Dürre und Lebensmittelknappheit.

Kannst du noch mehr zur Lage im Tschad erzählen?

Die allgemeine Versorgung für die Tschader ist sehr limitiert. Das Kranken- wie auch das Schulsystem sind sehr schwach ausgebildet. Es gibt nur wenige Ärzte, und die meisten Tschader haben ihre Ausbildung im benachbarten Ausland abgeschlossen. Die Straßen sind nicht geteert und in einem schlechten Zustand.

Gibt es Konflikte zwischen den Tschadern und den Flüchtlingen, die ja eine Grundversorgung bekommen?

Diese Situation kreiert Konflikte, da wir den Flüchtlingen ja einen gewissen Standard an medizinischer Versorgung, sauberem Trinkwasser, Bildung usw. ermöglichen. Die lokale Bevölkerung hat natürlich die gleichen Bedürfnisse.

Wie könnt ihr Abhilfe schaffen?

Zum einen unterstützen wir die Flüchtlinge so, dass auch die lokale Bevölkerung davon profitiert. Wir versuchen, Flüchtlinge in tschadische Dörfer zu integrieren und bauen zum Beispiel Brunnen für beide Gruppen.

Werdet ihr dabei von der Regierung unterstützt?

Ja, die Regierung kommt UNHCR sehr entgegen und stellt den Flüchtlingen sogar Land zur Verfügung, das sie bewirtschaften dürfen. Darüber hinaus können sich die Flüchtlinge freier bewegen als in anderen Ländern. Sie müssen nicht unbedingt in Camps leben, sondern können auch in die Dörfer der Einheimischen. Einige dürfen auch arbeiten. Das macht natürlich die Integration einfacher, und wir können so mit unserer Arbeit beide Gruppen erreichen.

Was macht ihr in Sachen Bildung - für die Flüchtlinge und die lokale Bevölkerung?

Wir unterstützen zum Beispiel bereits existierende tschadische Grundschulen im Süden des Landes, bauen Klassenzimmer an und stellen Lehrkräfte ein. Die Flüchtlingskinder besuchen dort gemeinsam mit den tschadischen Kindern den Unterricht. Damit vermeidet man Parallelwelten - die Camp-Welt und die Welt außerhalb davon. Wir bringen auf diese Weise die Menschen, vor allem die Kinder, enger zusammen.

Trotz allem gibt es noch eine Menge zu tun. UNHCR und seine Partner können nicht alles alleine machen. Gerade für die Flüchtlinge, die schon seit über zehn Jahren im Tschad leben, wird dringend zusätzliche internationale Hilfe benötigt.