Koordinator für die Sahelzone

"Die Flüchtlinge aus Mali dürfen nicht vergessen werden"

Valentin Tapsoba im Gespräch in einem Flüchtlingslager in Mauretanien. Foto: UNHCR/

Seit die Rebellion im Norden Malis im Januar begann, sind mehr als 300.000 Menschen in weniger umkämpfte Regionen im Süden geflohen. Über 200.000 Flüchtlinge haben sich in den Nachbarländer, Burkina Faso, Niger und Mauretanien, in Sicherheit gebracht.

Valentin Tapsoba ist der UNHCR-Koordinator für die Vertriebenen in Mali. Seit Beginn der Krise ist er für die Sicherheit und den Schutz der Menschen verantwortlich.  Er organisiert auch die enormen Hilfslieferungen nach Algerien, Burkina Faso, Mali, Niger und Mauretanien. Tapsoba arbeitet von Dakar im Senegal und reiste kürzlich in verschiedene Europäische Hauptstädte, um mit Gebern und Journalisten über die Krise in Mali zu sprechen.

In Genf sprach Valentin Tapsoba mit UNHCR-Mitarbeiter Christopher Reardon. Anbei einige Ausschnitte des Gespräches:

Herr Tapsoba, wie geht es den Flüchtlingen in Burkina Faso, Niger und Mauretanien?

Unsere größte Sorge ist das Wasser. In einer Notsituation sollte pro Flüchtling mindestens 15 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung stehen. Aber im Niger liegen wir darunter. In Burkina Faso sind es durchschnittlich ungefähr 17 Liter pro Person. Wie versuchen die tägliche Wassermenge pro Tag auf  20 Liter pro Person zu erhöhen– weit Wasser ist Leben. Wenn man kein sauberes Wasser hat, kann man Cholera kriegen und viele andere Krankheiten.

Wir stehen vor großen Voraussetzungen bei der Bildung. Viele Schüler haben das Schuljahr 2011-2012 verpasst. Jetzt suchen wir zusammen mit UNICEF nach Unterstützungsmöglichkeiten für das Schuljahr 2012-2013. Bildung ist ein Schutzmechanismus und wir wollen nicht, dass die Schüler sich langweilen und vielleicht von Ansar Dine oder MUJAO angeworben werden. Das sind zwei der aufständischen Gruppen im Norden Malis.

Warum ist es schwierig für UNHCR genug Wasser bereitzustellen?

Das erste Problem sind die vorhandenen Ressourcen. Von den 153,7 Millionen US-Dollar, die wir benötigen, haben wir bis jetzt 64 Millionen erhalten – das ist weniger als 50 Prozent.

Das zweite Problem ist der Standort. In der Sahelzone kannst Du Bohrlöcher bohren, aber Du wirst kein Wasser finden. Und selbst wenn Du Wasser findest, kann es viel zu salzig sein und man muss es behandeln. Oder es ist nicht genug für die Flüchtlinge, die Gastgemeinden und auch die Tiere. Wissen Sie, als die Flüchtlinge zum Beispiel nach Burkina flohen, brachten sie viel Vieh mit. Du musst auch dem Vieh Wasser geben, weil es eine wichtige Quelle der Widerstandskraft für die Menschen ist.

Was wird passieren, wenn die Kämpfe in Mali zunehmen und mehr Menschen fliehen?

Wir werden wahrscheinlich einen massiven Zustrom von Flüchtlingen in die Nachbarstaaten haben - nicht nur nach Burkina Faso, Niger und Mauretanien aber selbst bis zur Elfenbeinküste, Guinea und Senegal. Darum bereiten wir Einsatzpläne vor, damit wir auf die unterschiedlichen Szenarien vorbereitet sind. Wir müssen dies in die internationale Gemeinschaft hinein tragen, um Mittel zu bekommen und die Aufmerksamkeit auf darauf zu richten, dass die Gefahr noch nicht vorbei ist. Ich würde sagen, sie hat gerade erst begonnen.

Hilft UNHCR auch in Mali den Binnenvertriebenen?

Ja, UNHCR arbeitet mit den Hilfsorganisationen in Mali zusammen. Wie sind für den Schutz zuständig, das heißt, wir registrieren die Flüchtlinge, so dass die anderen Organisationen einen genauen Überblick bekommen, wie die Familien zusammengesetzt sind und woher sie kommen.

Und dann hat UNHCR Lager mit Hilfsgütern in Mopti. Da gibt es Schlafmatten, Wasserkanister, Eimer, Planen, Küchensets, Decken und Mückennetze für die 40.000 Binnenvertriebenen in der Region Mopti.

Gab es Hinweise darauf, dass die Regierungen der Nachbarländer Flüchtlinge zurückweisen?

Die Regierungen von Burkina Faso, Mauretanien und Niger haben ihre Grenzen und ihre Herzen geöffnet, um die Menschen, die aus Mali fliehen willkommen zu heißen. Diese Länder haben die Flüchtlingskonvention von 1951 unterzeichnet und werden darum ihre Grenzen nicht schließen. Aber wenn es eine Militärintervention im Norden Malis gibt, werden Al Qaida und die Terroristen die glechen Fluchtwege nutzen wie die Flüchtlinge. Das macht uns im Feld Sorgen, denn wenn sie die Grenzen schließen, verhindern sie die Ankunft von Menschen, die wirklich internationalen Schutz brauchen.

Sind Sie zufrieden mit der Berichterstattung über die Notsituation in Mali?

Nein, wir sind überhaupt nicht zufrieden. Wenn man morgens aufwacht und das Radio oder Fernsehen anmacht, gibt es Berichte über Syrien von BBC, von CNN und Al Jazeera. Aber es ist sehr selten, dass man etwas über Mali hört. Ich weiss, dass es schwer ist, dorthin zu kommen. Aber ein Flüchtlingskind, dass Mali verlässt und nach Burkina, Mauretanien oder Niger geht, braucht den gleichen Schutz und die gleiche Hilfe wie ein Syrer, der nach Jordanien, den Libanon oder die Türkei flieht. Die Flüchtlinge aus Mali sind traumatisiert und sie dürfen nicht vergessen werden.