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Aurvasi Patel, Head of Office UNHCR, Mazar, Afghanistan
UNHCR

Frauen im Einsatz

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Real Talk - das Leben als humanitäre Helferin im Einsatz

 

UNHCR „Veteranin“ Aurvasi Patel und „Newbie“ Eujin Byun sprechen über Karriere, Familie und warum es ok ist, manchmal bei der Arbeit zu weinen.

39% aller Mitarbeitenden des UNHCR sind Frauen. In den sogenannten Hochrisiko-Einsatzgebieten, wie Afghanistan oder dem Südsudan, wo Aurvasi Patel und Eujin Byun arbeiten, sinkt der Frauenanteil jedoch auf 22%.

Aurvasi Patel arbeitet schon fast drei Jahrzehnte für den UNHCR und ist momentan als stellvertretende Repräsentantin in Afghanistan. Sie hat schon auf der ganzen Welt gearbeitet, von Bosnien und Herzegowina über Sri Lanka bis hin zu Tadschikistan.

Eujin Byun arbeitet seit 2012 für den UNHCR. Sie war erst für einige Jahre im Libanon, Jordanien, der Türkei, Ägypten und Irak aktiv, um dort Geschichten rund um die Krise in Syrien zu sammeln. Seit 2016 arbeitet sie als Sprecherin im Südsudan.

Könnt ihr euch an einen bestimmten Moment in eurer Karriere erinnern, in der euer Geschlecht eine entscheidende Rolle gespielt hat, negativ oder positiv?

Aurvasi: Ich war während des Krieges in den 90ern in Bosnien. Zu dieser Zeit war ich eine der wenigen Frauen in der humanitären Hilfe. Ich war damals eine junge Frau, die sich für die Rechte von Binnenvertriebenen und dem Schutz von Zivilisten eingesetzt und versucht hat, den Anwesenden die Arbeit des UNHCR näher zu bringen. Man war eine Ausnahme und die männlichen Kollegen haben mich großzügig zu Wort kommen lassen. Da hat es geholfen eine Frau zu sein.

Aber ich habe auch andere Situationen erlebt: Nach dem Genozid in Srebrenica haben wir die Bosniaken (bosnische Muslime) evakuiert. Man musste damals an Checkpoints vorbei, und sobald die eine Frau gesehen haben, wurde mir sofort gesagt: „Nein, nein das geht nicht, das ist zu gefährlich.“ In dem Fall dreht man entweder um oder man verhandelt, um durch zu kommen. Aber eigentlich sollte dein Geschlecht dich nicht an dem Vorankommen deiner Arbeit hindern.

Eujin: Ich hatte im Juli 2016 eine sehr ähnliche Erfahrung, als es im Südsudan zu einer schlimmen Krise kam. Ich sollte aus Maban evakuiert werden, eine der abgelegensten Regionen des Landes. Kurz darauf kam ich zurück und sollte direkt wieder evakuiert werden, weil eine Gruppe von humanitären Helferinnen in Juba vergewaltig worden war. Ich habe gefragt, ob ich bleiben kann. Ich kann meinen Job besser machen, wenn ich vor Ort bin. Aber das ging nicht, das Sicherheitsrisiko war einfach zu groß.

Aber dafür habe ich das Gefühl, dass Frauen sich mir schneller anvertrauen, wenn es um sexualisierte Gewalt oder um den Schutz ihrer Kinder geht, als wenn sie sich mit einem männlichen Kollegen unterhalten würden. Eine fremd aussehende Frau wie mich, sehen sie nur selten und sie heißen mich meistens schnell in ihrer Gemeinschaft willkommen.

Gibt es irgendwelche Klischees die euch auf die Nerven gehen oder gibt es Situationen die euch immer wieder begegnen, nur weil ihr eine Frau seid?

Aurvasi: Am Anfang heißt es: „Du bist noch so jung,“ dann: „Du bist eine junge Frau…“, danach sagen sie: „Du bist eine Frau, was weißt du schon?“ und am Ende: „Warum bist du nicht verheiratet“ oder „Warum bist du nicht zuhause“.

Eujin (lacht): Das höre ich auch immer.

Aurvasi: „Warum hast du keine Kinder?!“ In Gesellschaften wie in Afghanistan, aber auch im Balkan, Sri Lanka und Tadschikistan gibt es diese Erwartungshaltung, dass Frauen ab einem gewissen Alter zuhause bleiben und Kinder bekommen sollten. Dieses Thema wird also in Gesprächen immer wieder auftauchen, ob du es willst oder nicht. Ich scherze und sage immer, dass nicht meine Arbeit oder der UNHCR der Grund sind, warum ich single bin, sondern mein sehr schlechter Männergeschmack. (lacht)

Eujin: Ja, das passiert mir auch oft. Besonders jetzt, in meinem Alter, fragen mich viele Leute „Bist du verheiratet? Wo ist dein Mann? Wie viele Kinder hast du?“. Und wenn ich dann irgendwann sage, dass ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe, sagen sie „Was ist denn dein Problem?“

Aber für die nationalen Mitarbeiter ist die Situation oft noch viel schwieriger. Die müssen sich viele negative Kommentare von den lokalen Gemeinden und manchmal sogar den anderen Angestellten vor Ort anhören. Das hat mit traditionellen und kulturellen Vorstellungen zutun.

Aurvasi: In Ländern, in denen Konflikte herrschen, übernehmen viele Frauen Rollen, die sie sich so nie vorgestellt haben, unter anderem auch als humanitäre Helferinnen zu arbeiten. Am Ende sind sie oft die Hauptverdiener in ihrer Familie. Außerhalb des Hauses zu arbeiten ist akzeptiert, wenn sie damit das Überleben der Familie sicherstellen.

Was ist mit den geflüchteten Frauen in den Ländern, in denen ihr arbeitet? Könnt ihr euch aufgrund eures Geschlechts besser in das reinversetzen, was Frauen durchmachen?

Aurvasi: Für Frauen ist es oft besonders schwer, weil sie oft nicht die Chancen bekommen, die sie verdienen. Aber sie sind die Überlebenden.

Das beeindruckt mich immer wieder: Die Stärke von Frauen, die die Familien zusammenhalten.

Vielleicht liegt das in unserer DNA, sie sind ja diejenigen, die die Kinder gebären. Auch wenn sie nicht der „Kopf“ des Haushalts sind tun sie alles, um ihre Kinder zu beschützen.

Eujin: Für mich ist es das gleiche: Die Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit von Frauen. Das verblüfft mich jeden Tag aufs Neue. Vor zwei Jahren habe ich in Maban 25 Mütter interviewt und jede einzelne von ihnen hat gesagt: „Ich mache all das, damit mein Kind überlebt und eine bessere Zukunft hat.“ Ich musste echt mit mir kämpfen, als ich gesehen habe, wie die Frauen in den Camps leiden. Ich war frustriert, als ich von der sexualisierten Gewalt erfahren habe, die viele von ihnen hier erleben. Eine Mutter, die aus dem Südsudan geflohen ist, hat mir etwas gesagt, das ich nie vergessen werde. Sie sagte: „Das ist ein langer Kampf, in dem es keine Gewinner und keine Verlierer gibt. Ich kämpfe diesen Kampf nicht für mich, sondern für die kommende Generation.“

Ich finde es so unfair und frustrierend, dass es als Frau, je nachdem wo du geboren wurdest, dein Leben komplett unterschiedlich aussehen kann.

Aurvasi: Das sage ich auch immer, besonders dann, wenn eine königliche Familie mal wieder ein Kind bekommt. Dort wird ein Kind in eine privilegierte Familie hinein geboren und zur gleichen Zeit kommt in einem Dorf in Afghanistan ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge zur Welt. Die Leben dieser Kinder könnte ungleicher nicht sein. Beide Familien sind überglücklich über die Geburt des Kindes, aber eines von ihnen wird es sehr schwer haben, nur, weil es in Afghanistan geboren wurde. Das wird noch erschwert durch den Fakt, dass wenn du ein Mädchen bist, du „weniger wert“ bist. Im Westen von Afghanistan gab es vor nicht allzu langer Zeit eine furchtbare Dürreperiode und viele Zwangsheiraten von Kindern. Da sind diese 4, 6 oder 8 Jahre alten Mädchen, die verheiratet werden. Ich bin mir sicher, dass es ihren Vätern das Herz gebrochen hat, aber ich habe in einem Report ein Zitat gelesen, in dem ein Mann sagte: „Wir mussten uns entscheiden: Entweder das oder wir wären alle verhungert.“

Ich rede dauernd davon, wie privilegiert wir leben und wie gut wir es haben. Was auch immer wir für Probleme haben, verglichen mit andern geht es uns gut. Es gibt so viele Leute, die gerne unsere Probleme hätten. Diese Einstellung hilft mir, positiv zu bleiben.

Eujin: Gestern war ich in einem Flüchtlingslager und habe ein 17-jähriges Mädchen getroffen, das vor ihrer Schule auf uns gewartet hat. Sie ist gerade im letzten Jahr der Mittelschule und ist die Klassenbeste. Aber ihr Vater erlaubt ihr nicht, die weiterführende Schule zu besuchen. Sie wollte, dass wir ihr helfen, ihren Vater doch noch zu überzeugen, sie weiter zur Schule gehen zu lassen. Wir sind gerade in Kontakt mit dem Vater und sehen, was sich machen lässt.

Am Abend habe ich mit Freunden aus Europa geredet, sie haben mir von ihren Kindern erzählt und davon, in welchem Fußballteam sie spielen werden. Ich musste plötzlich anfangen zu weinen, weil ich an das Mädchen vom Nachmittag gedacht habe. Sie war so verzweifelt und wollte nur weiter zur Schule gehen, während ihr Vater von ihr wollte, dass sie bald heiratet und Kinder bekommt. Ich glaube, dass ist ein der größten Herausforderungen, der wir uns stellen müssen:

Wir sehen jeden Tag so viel Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Aber gleichzeitig gibt es auch so viel Hoffnung und Widerstandsfähigkeit. Manchmal scheint es, als ob sich das gegenseitig ausgleicht.

Wie haben euch andere Frauen in eurer Karriere geholfen, und wie helft ihr anderen Frauen?

Eujin: Während des Syrienkonfliktes war ich einige Zeit im Libanon. Ich habe gesehen, wie Kinder und Frauen in Zelten leben müssen, als es dort einen schweren Wintereinbruch und heftigen Schneefall gab. Abends bin ich dann in mein Haus gekommen, dort hatte ich eine Heizung, gutes Essen, eben einfach ein Dach über dem Kopf – und ich habe jeden Abend geweint. Dann habe ich einen guten Rat von jemandem bekommen, die schon länger dort arbeitet. Sie sagte: „Wenn du diese Realität und die Unterschiede nicht akzeptieren kannst, dann wirst du es als humanitäre Helferin nicht weit bringen. Du musst lernen, es zu akzeptieren und damit zu leben, denn du bist hier, um den Menschen zu helfen und ihnen zur Seite zu stehen. Wenn du wegen ihrer Situation leidest, kannst du sie nicht unterstützen.“ Das hat mir sehr geholfen. Ich bekomme oft wertvolle Ratschläge von Frauen, die schon lange für den UNHCR arbeiten, wie beispielsweise Aurvasi. Die Zahl der Frauen, die in höheren Managementpositionen arbeitet, steigt und das hat eine große Auswirkung auf die Frauen in anderen Positionen, denn wir können von ihnen lernen.

(An Aurvasi gewandt) Es ist wirklich inspirierend, dir zuzuhören. Fast 30 Jahre beim UNHCR, ich weiß echt nicht, wie du das geschafft hast! (lacht)

Aurvasi: Ich liebe meinen Job noch immer und freue mich jedes Mal, wenn ich morgens aufstehe. Natürlich gibt es alle paar Jahre mal einen oder zwei schlechte Tage (lacht).

Aber wie du auch erzählt hast, ich heule manchmal noch wie ein Baby, auch nach 30 Jahren in dem Beruf.

Aber ich gebe einfach mein Bestes und hoffe, dass mir sowas nicht auf einem Einsatz passiert. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu helfen. In manchen Situationen ist es hilfreich, wenn dein Gegenüber merkt, dass du emotional bist und ihre Situation nachfühlen kannst, aber manchmal kann es auch das Gegenteil bewirken: „Wie soll uns diese Frau helfen, wenn sie die ganze Zeit weint? Das machen wir selber genug, wir brauchen jemanden, der stark auftritt und entschlossen handelt.“

Natürlich sind wir auch nur Menschen, aber manchmal musst du einfach akzeptieren, dass es gerade nicht die richtige Zeit ist, deinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Das Schönste an unserem Job – abgesehen von der tollen Arbeit, die wir machen dürfen – sind die Kollegen und Freundschaften, die man schließt. Sie werden zu deiner Ersatzfamilie und geben dir Kraft, wenn du sie brauchst. Sie sind immer für dich da und verstehen, was du durchmachst.

Ihr habt beide schon gefährliche Situationen überlebt, während ihr im Einsatz wart. Aurvasi, du warst während einem Terrorangriff der Taliban in 2008 in einem Auto eingeschlossen und Eujin, du hast im Südsudan gearbeitet, als dort viele humanitäre Helferinnen vergewaltigt wurden. Hattet ihr jemals Angst um euer Leben? Und wie haben euch eure Kolleg*innen geholfen?

Eujin: Man hat schon Angst, das stimmt. Die wurde nach den Vergewaltigungsfällen auch noch größer, da mir das ganze sehr nahegegangen ist. Ich glaube, dass die Angst gerade bei den Kolleginnen danach insgesamt größer wurde. Aber gerade deshalb ist dein Team so wichtig: Man merkt, dass man mit dieser Angst nicht alleine ist und dass es ok ist, Angst zu haben. Wir sagen immer, dass wir uns gegenseitig beschützen. Wir sitzen zusammen, trinken Tee und reden über all das und das hilft wirklich sehr.

Aurvasi: Ich bin eine der Personen, die in solchen Situationen klar denken kann und glücklicherweise nicht von Angst gelähmt ist. Danach denkt man natürlich immer „was da alles hätte passieren können,“ und man muss sich bewusst sein, dass so was wieder passieren kann. In Afghanistan ist die Sicherheitslage sehr angespannt und vor einiger Zeit sind viele humanitäre Helfer*innen ums Leben gekommen. Mein damaliger Chef hat großartige Arbeit geleistet, das Team durch diese schwierige Phase zu bringen. Direkt nach dem Angriff sind wir abends alle im Büro geblieben, wir haben Pizza bestellt, niemand wollte nach Hause gehen. In Zeiten wie diesen merkt man, dass wir bei uns auf der Arbeit Familie sind.

Von den ganzen Klischees abgesehen gibt es ja doch immer einen Moment, in der Frauen über Familie nachdenken und was das für Auswirkungen auf ihre Karriere haben kann. Wie geht ihr mit dieser Frage um?

Aurvasi: Familie ist sehr wichtig. Man muss diese zwei Aspekte wirklich sehr, sehr gut ausbalancieren. Denn sonst kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man sein ganzes Herz in die Arbeit und die Organisation gesteckt hat, und das ist fantastisch, aber man realisiert, dass man den anderen Teil vernachlässigt hat und ist deswegen frustriert. Und da gibt es dann kein Zurück mehr. Das ist nicht gesund und hat wiederum Auswirkungen auf dich und deine Arbeit und am Ende auf die Menschen, denen wir eigentlich helfen wollen.

Eujin: Für junge Frauen ist es extrem wichtig, weibliche Vorbilder zu haben, an denen man sich orientieren kann. Es ist inspirierend, Frauen in unserem Beruf zu sehen, die es weit gebracht haben und Familie und Beruf vereinen konnten, oder die uns zeigen, dass es genauso in Ordnung ist, single zu sein. Mit Frauen in meinem Alter unterhalte ich mich viel darüber, ob es ok ist, noch ein weiteres Jahr in einem so gefährlichen Einsatzgebiet wie dem Südsudan zu sein, wenn man nicht verheiratet ist und keine Kinder hat, oder soll man die Organisation verlassen um eine Familie zu gründen. Aber dann siehst du die Frauen in hohen Positionen und denkst dir: „Sie hat das geschafft. Das kann ich auch.“

Was würdest du zu einer jungen Frau sagen, die gerne als humanitäre Helferin im Feld arbeiten möchte?

Aurvasi: Als ich mit dem Job angefangen habe, war die Situation noch eine ganz andere. Humanitäre Helfer wurden respektiert und die Situation war weniger gefährlich für sie. Aber meiner Meinung nach ist es immer noch einer der Berufswege, der sich am meisten lohnt. Man lernt zu schätzen, was man hat.

Mein Ratschlag ist: Kenne dich selber, wisse, was du tun und wo du hinwillst, und dann mach es einfach. Denn am Ende des Tages ist nur wichtig, dass du selber glücklich bist. Wenn das der Fall ist, wirst du in allem Erfolg haben, was du tust.

Eujin: Ich glaube es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich es jemals bereut habe, humanitäre Helferin geworden zu sein. Natürlich gibt es Tage, an denen die Sicherheitslage gefährlicher ist und man Angst hat oder man einfach ein bisschen frustriert ist, aber wenn man am Ende des Tages sieht, wie Frauen für ihre Kinder kämpfen oder sich gegenseitig auch in schwierigen Situationen unterstützen, dann ist alles ok. Es gibt viel zu tun, wenn man als Frau in dem Gebiet arbeitet und es gibt auch gewisse Vorteile. Inzwischen werden mehr und mehr Vorfälle von sexueller oder geschlechterspezifischer Gewalt von Frauen gemeldet, deswegen werden auch mehr weibliche humanitäre Helferinnen gebraucht. Ich möchte andere Frauen dazu ermutigen, sich uns in dem Job anzuschließen!

Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt und gekürzt. Die Originalfassung ist hier erschienen.
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