21.04.2015

Flüchtlingsdrama im Mittelmeer: Überlebende und Retter

Die Situation im Mittelmeer verschärft sich zusehend: Immer mehr Menschen riskieren die lebensgefährliche Überfahrt von Nordafrika nach Europa. Seit Jahresanfang sind über 35.000 Asylsuchende und Migranten auf diesem Weg in Südeuropa angekommen, über 1.600 Menschen haben den Versuch mit ihrem Leben bezahlt.

Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge aus Syrien, Somalia, Eritrea und anderen Kriegsgebieten. Sie alle sind zutiefst verzweifelt und wissen keinen anderen Ausweg.

Einige Überlebende und ihre Retter wollen wir Ihnen hier vorstellen:

Baby Dina aus Eritrea

Baby Dina - Flüchtlingskind wurde bei Brand schwer verletzt

Obwohl sie schläft, krümmt sie sich die einjährige Dina vor Schmerzen. Ihre Wunden sind mit Verbänden bandagiert. Auf ihrem Gesicht pellt sich die verbrannte Haut.

Dina ist Opfer einer verheerenden Gasexplosion in einer Unterkunft in Libyen, wo Flüchtlinge wie Rahel und ihre Tochter auf die Überfahrt nach Italien warteten. Bei der Explosion kamen mehrere Menschen ums Leben. Den Verletzten erlaubten die Schlepper nicht, zum Arzt zu gehen.

Einige Tage nach der Exlosion packten die Schmuggler Dina, Rahel und 70 weitere Menschen auf ein Schlauchboot und versprachen, die Passagiere auf ein größeres Boot zu verlegt. Doch dieses Versprechen hielten sie nicht ein. Schon nach kurzer Zeit verlor das Schlauchboot Luft und geriet in Seenot. Glücklicherweise wurden sie nach zwei Tagen auf hoher See entdeckt und gerettet.

Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass sich Dina gut erholt und all die schlimmen Erlebnisse vergessen sind, wenn sie erwachsen ist.

Dr. Bartolo - Arzt

Als das Boot mit Dina und den anderen Verbrennungsopfern gefunden wurde, begannen für Dr. Domenico Bartolo lange 24 Stunden. Er und sein Team setzten alles daran, die zum Teil sehr schwer Verletzten zu retten.

Am nächsten Tag erklärte er mit tiefen Augenringen: “Sie haben schwere Verbrennungen. Mindestens 10 von ihnen sind in einem kritischen Zustand. Möglicherweise überleben sie nicht, aber wir hoffen das Beste.”

23 Verbrennungsopfer - darunter auch die kleine Dina - wurden nach der Erstversorgung durch Dr. Bartolo und sein Team mit dem Helikopter ins Krankenhaus nach Sizilien gebracht.

Dr. Bartolo lobte sein Team aus Ärzten und die Rettungsmannschaft, die stundenlang versuchten so viele Leben wie möglich zu retten.

Zwillingsbrüder Mohammed & Iyla aus Syrien

Die 25jährigen Zwillingsbrüder Mohammed und Iyla flohen 2013 aus Aleppo in Syrien, als der Krieg dort begann ihre Leben zu zerstören. “Unser Haus und unsere Restaurants wurden durch Bomben zerstört”, erinnert sich Iyla.

“Wenn wir geblieben wären, wären wir jetzt tot. Man stirbt nur einmal im Leben, darum haben wir beschlossen, das Risiko einzugehen bei dem Versuch zu sterben hierher zu kommen.”

Von Syrien gingen die Brüder erst nach Algerien. Doch dort wurde das Leben zu teuer. 3.000 US- Dollar für die gefährliche Überfahrt nach Europa schien ein vergleichsweise geringer Preis für die Chance auf ein besseres Leben. Aber sie bereuten ihre Entscheidung bald. “Die Überfahrt war sehr schwierig”, erzählt Mohammed. “Wir waren lange auf See – 15 Stunden – und der Motor begann zu stottern. Wir dachten, wir würden jede Minute sterben.” Er schaut zu seinem Bruder, der die Augen geschlossen hat. “Jedes Mal, wenn das Boot schwankte, dachten wir, es würde kentern. Wir hatten Kinder an Bord. Wir hatten große Angst.”

Iyla und Mohammed hatten Glück und überlebten die Flucht. Jetzt haben sie zusammen die Chance, ihr Leben in Sicherheit neu aufzubauen. Aber noch schaudert es sie bei dem Gedanken, was hätte sein können. “Wir haben alles im Krieg verloren”, sagt Iyla. “Die Syrer sind gezwungen nach  Europa zu gehen, damit sie ihre Zukunft sichern können.”

Guiseppe Cannarile - Kommandant

Guiseppe Cannarile - Kommandent der Küstenwache in Lampedusa

Draußen beginnt gerade ein neuer Tag – Giuseppe Cannarile und sein Team sind schon für ihren ersten Einsatz bereit. Cannarile nimmt einen Schluck aus dem Kaffeebecher und setzt sich die Brille zurecht: “Im Moment haben wir noch keinen Notruf erhalten”, erklärt er über den Schreibtisch hinweg. “Aber heute ist das Wetter gut, es ist also durchaus möglich.”

Cannarile leitet die Küstenwache auf der italienischen Insel Lampedusa und ist Chef eines beeindruckenden Teams: er kommandiert sieben Schiffe, die auf dem Meer patrouillieren und nach Booten aus Nordafrika suchen.

“Allein in der letzten Woche haben wir mehr als 10.000 im Mittelmeer aufgenommen und über 20 Such- und Rettungsaktionen durchgeführt”, sagt der Kommandant. “Wir haben Tote gesehen, Kranke, schwangere Frauen und Kinder.”

Viele der Boote würden direkte Notrufe über Satellitentelefone abgeben, so der Kommandant. Aber auch Handelsschiffe und Flugzeuge würden das Meer beobachten und die Flotte der Küstenwache sei jederzeit bereit auf einen Notruf hin auszulaufen.

Cannarile ist selbst Vater von zwei Jungen und er fühlt die Verantwortung, die sein Posten mitbringt.

“Wir haben nur ein Mandat: auf dem Meer Leben retten, egal ob Migrant, Fischer oder jeden anderen. Für mich – und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Küstenwache – ist dies mehr als nur ein Job. Es ist eine Mission.”

Mudther aus Südsudan

Mudther - Flüchtlinge aus Südsudan, überlebte Bootsunglück auf dem Mittelmeer

Mudther wartet darauf seine Mutter anzurufen. Seitdem er aus dem Südsudan nach Libyen geflohen ist, hat er noch nicht mit ihr gesprochen und er freut sich darauf, ihre Stimme zu hören. In seiner Hand hält er ein weißes Stück Papier fest - ihre Telefonnummer.

Vor drei Tagen hatte er alle Hoffnung aufgegeben, dass er diese Stimme je wieder hören würde, sie gar wiedersehen würde. “Es waren vielleicht so 300 Menschen auf dem Boot”, erzählt er während er darauf wartet, dass sein Freund sein Telefonat beendet. Der überladene Fischkutter fuhr über das raue, offene Meer. Mudther hatte oft Angst, der Kutter würde kentern. Aber schließlich erreichten sie die Ufer von Lampedusa.

Ein normales Leben ist für Mudther noch lange nicht in Sicht. Im Moment hat er ganz andere Pläne. “Ich will nach London”, sagt er. “Von Calais in Frankreich. Ich weiß schon wie.” Doch bis er auf das Festland gebracht wird, lebt Mudther gemeinsam mit über 1.000 anderen Flüchtlingen im Auffanglager auf Lampedusa.

Als der Freund den Hörer auflegt, nimmt Mudther ihn auch schon auf und lächelt. Nach einer kurzen Stille das einfache Wort: “Mutter?”

UNHCR setzt sich schon seit Langem bei der Europäischen Union sowie den Mitgliedsstaaten für ein umfassendes und rasch umzusetzendes Maßnahmenpaket ein, um Herausforderungen, die sich durch lebensgefährliche Überfahrten ergeben, anzugehen. Entsprechende Vorschläge wurden von UNHCR ausgearbeitet und übermittelt. Weitere Informationen dazu finden Sie hier: CMSI Action Plan

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