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Ein leuchtendes Beispiel für die ungebrochene Stärke von Frauen

Gewalt, Folter, Vergewaltigung - wie eine Geflüchtete ihre traumatische Vergangenheit überwinden konnte und heute anderen Frauen neue Hoffnung gibt

Regionale Gewinnerin des 2020 Nansen Awards, Sabuni Francoise Chikunda

Durch den Lockdown zur Eindämmung des Coronavirus im Frühjahr wuchs weltweit die Sorge vor mehr häuslicher Gewalt gegen Frauen. Dabei scheint COVID-19 einmal mehr wie ein Brennglas auf schon längst dagewesene Missstände zu wirken. Auch vor Corona stellte Gewalt gegen Frauen ein weltweites Problem dar. Diesem nimmt sich der internationale Tag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen an. Die Vereinten Nationen haben den jährlichen Gedenk- und Aktionstag am 25. November initiiert. Er nimmt diesen traurigen Missstand zum Anlass, um mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein in der Gesellschaft zu stiften.

Insbesondere Frauen, die auf der Flucht sind, werden häufig Opfer von Gewalt. Dort, in kriegsähnlichen Zuständen, wo Recht und Gesetz ausgehebelt sind und die Kontrollfunktion des Staates praktisch nicht existiert, sind viele Frauen schutz- und hilflos gewalttätigen Übergriffen ausgeliefert.

So auch die Kongolesin Sabuni Francoise Chikunda, die diesjährige Regionale Gewinnerin des UNHCR Nansen Refugee Award in Afrika.

Der Nansen Award ist eine Auszeichnung für Menschen, Gruppen und Organisationen, die sich in besonderem Maße für den Schutz von Flüchtlingen, Vertriebenen und Staatenlosen engagieren. Benannt nach Fridtjof Nansen, einem Norwegischen Wissenschaftler sowie ersten Hohen Flüchtlingskommissar des Völkerbundes (League of Nations) wird er seit 1954 verliehen. In diesem Jahr gingen die Ehrungen von insgesamt 259 Nominierten ausschließlich an Frauen.

Sabuni überlebte beim Völkermord in Ruanda 1994 eine brutale Attacke der radikalen Hutu, bei dem ihr Mann und ihre Kinder ums Leben kamen. Sabuni flüchtete in die benachbarte Demokratische Republik Kongo. Auch hier wurde sie Opfer brutaler Gewaltübergriffe, Folter und mehrfacher Vergewaltigung bewaffneter Milizen. Für viele Jahre lebte sie als Sklavin in Gefangenschaft. Schließlich gelang ihr wie durch ein Wunder die Flucht nach Uganda, wo sie endlich Schutz und Frieden gefunden hat.

"Ich habe viel durchgemacht ... Ich habe mein Zuhause, meine Familie, meinen Job ... alles verloren", sagt sie leise. "Ich wurde mehrmals vergewaltigt. Mein Mann und meine vier Kinder wurden getötet."

Seit drei Jahren lebt die heute 49-jährige Sabuni im ugandischen Camp Nakivale. Um mit den vielen belastenden und traumatischen Erlebnissen umzugehen, die sie in der Vergangenheit durchleben musste, engagierte sie sich freiwillig als Englischlehrerin am Settlement Reception Centre des UNHCR. Die Arbeit mit den Kindern ist für Chikunda von unermesslichem Wert – ein kleiner Ersatz für das, was der Mutter genommen worden ist. Aufgrund ihres großen Engagements für die Gemeinschaft wurde sie bereits innerhalb eines halben Jahres von allen als Führungspersönlichkeit anerkannt.

Nicht nur ihre Arbeit als Lehrerin hat der Preisträgerin bei der Verarbeitung ihrer Vergangenheit geholfen. Im Camp, was sie jetzt ihr zuhause nennt, traf sie sich mit Frauen und jungen Mädchen, die ebenfalls Opfer sexueller- und geschlechterbasierter Gewalt geworden waren. Der Austausch der Betroffenen, das Gefühl mit dieser Last nicht allein zu sein, hilft den Frauen sehr.

Was also mit etwa zehn Frauen im Kleinen begann, wurde schnell größer und größer - und bald gründete die Kongolesin das Kabazana Frauencenter. Seit 2018 unterstützt das American Refugee Council UNHCR finanziell Chikundas Arbeit am Frauencenter, das im Laufe der Zeit über 1.000 Teilnehmerinnen zählt.

Es ist ein Austauschforum, ein geschützter Raum, in dem sich Frauen und junge Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, gegenseitig anvertrauen können. Hier zeigt sie den anderen Betroffenen durch praktische Tätigkeiten wie Haare schneiden, kochen, gärtnern, schneidern und töpfern, wie die Frauen unabhängig von Männern ein ökonomisch und sozial autonomes Leben führen können - trotz und mit traumatischer Erlebnisse, die sie wohl ihr Leben lang begleiten werden. Auch deshalb ist die gemeinsame Planung nächster (Lebens-)Schritte ein wichtiges Element von Chikundas Arbeit im Center. Gemeinsam werden neue Perspektiven geschaffen und die Betroffenen können so neuen Lebensmut und Zuversicht fassen.

"Ich fühle mich so gut, dass ich anderen Geflüchteten in diesen schweren Zeiten unterstützen kann", sagt sie lächelnd. "Ich habe ihnen geholfen, unabhängig zu sein, und ich bin so stolz darauf".

Mittlerweile haben sich unter den Besucherinnen des Centers beeindruckende Anschlussprojekte und Initiativen ergeben. Einige Frauen haben eine Kelterei gegründet, die im Zuge der Corona-Pandemie als Apotheke umfunktioniert worden ist. Andere von ihnen wollen in naher Zukunft gemeinsam eine Klinik errichten.

Sabuni hat inzwischen gemeinsam mit einer anderen Betroffenen und Besucherin des Frauencenters ein kleines Geschäft gegründet. Hier nähen die beiden Hochzeitskleider, die sie später mit Dekorationsartikeln an Paare verleihen. Durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus steht der Betrieb erst einmal auf unbestimmte Zeit still. Bis dahin sind die beiden Frauen auf den Verkauf von Lebensmitteln für den täglichen Bedarf umgestiegen.

Für die Zukunft wünscht sich die Menschenrechtsaktivistin, dass sie mit zusätzlichen Fördermitteln des UNHCR das Kabazana Frauencenter weiter ausbauen kann. So können von mehr Frauen und Mädchen die Wunden der Vergangenheit langsam heilen und an den Platz des Schmerzes neue Hoffnung treten.

"Ich möchte ihnen helfen, die Dinge zu vergessen, die sie durchgemacht haben, damit sie ein neues Leben beginnen können."

Die Menschenrechtsaktivistin hat für viele eine Schlüsselrolle inne: Als Betroffene ist Sabuni für Frauen und Mädchen eine wertvolle Beraterin und Vertraute. Als Gründerin und Vorsitzende des Centers kämpft sie über die Grenzen des Camps hinaus für eine steigende Anerkennung von Frauen. Mit ihrer Arbeit möchte sie einen Beitrag dazu leisten, nachhaltige wirtschaftliche und soziale Veränderungen für Frauen herbeizuführen.

So ist die Preisträgerin ein trauriges und leuchtendes Beispiel zugleich -  für die Abgründe der Menschheit aber ebenso für die ungebrochene Stärke von Frauen. Denn trotz ihrer Vergangenheit lässt Sabuni diese nicht ihre Zukunft bestimmen, in die sie mit einem Lächeln blickt.

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