06. September 2013

Syrien: Die Flucht in die Sicherheit wird immer schwieriger

Über zwei Jahre lebte Hamid und seine Familie im Krieg. Zwei Jahre, in denen er immer die Hoffnung hatte, es würde wieder ruhiger. Nach über zwei Jahren dann schließlich die Entscheidung, wir müssen die Flucht außer Landes wagen, wenn wir überleben wollen.

Vor dem Krieg lebte Hamid mit seiner Familie außerhalb der Stadt Homs im Westen Syriens. Er kümmerte sich um die Schafe und Ziegen und das Land, auf dem seine Familie seit Generationen lebte. Sie hatten keine Zeit für Politik und vermieden Konflikte.

"wir zogen von Dorf zu Dorf ... aber kamen immer wieder in unser Dorf zurück..."

Aber im März 2011 kam der Krieg. Als die Kämpfe begannen tat Hamid das, was viele andere syrische Familien taten - er floh vor dem Kampfgeschehen, aber nicht aus dem Land.

"Wir zogen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus – 50 Kilometer in jede Richtung," erklärt Hamid. "Aber wir kamen immer wieder in unser Dorf zurück, in der Hoffnung, dass es besser werden würde." Aber es wurde nicht besser und die Kämpfe und das Töten wurde immer schlimmer.

Vor mehreren Monaten plante die Familie bei Verwandten unterzuschlüpfen. Als sie jedoch das Dorf erreichten, war das Haus niedergebrannt. Drei Onkel, ein Cousin und 23 entfernte Familienmitglieder waren beim Angriff umgekommen. Das war der Punkt, an dem Hamid anfing über die Flucht in ein Nachbarland nachzudenken.

Tagelang in einem hastig ausgehobenen Loch

Die Entscheidung zur Flucht kam dann recht schnell: jede Nacht gab es Bomben- und Granatenangriffe. Die Kämpfe waren so heftig und laut, dass die Familie tagelang in einem Loch verharrte, das sie hastig ausgehoben hatten. Zwar stand ihr Haus im Dorf noch immer unversehrt zwischen vielen Ruinen - es war ein Fixpunkt  - ein Ort, an dem sie zurückkehren würden. Doch Hamid wurde klar, das das intakte Haus eine besonders gute Zielscheibe abgab und damit noch gefährlicher war, als die Ruinen.

"Wir rannten fort, weil wir leben wollten," sagt er mit sanfter, gedankenverlorener Stimme. "Es hätte zu viel geschehen können, in diesem Haus. Wir hätten ausgebombt, gebrandschatzt und getötet werden können. Unser Haus hätte uns weggenommen werden können."

Mit dem Geld für die Ziegen bezahlte er die Schmuggler

Hamid verkaufte alle Ziegen, um Geld für die Schmuggler zu bekommen, die sie nach Jordanien bringen sollen. Als sie auf zwei Laster kletterten, wurde Hamid klar, dass sie erst nach Syrien zurückkehren würden, wenn der Krieg vorbei wäre.

Die Laster fuhren nur nachts, ohne Licht. Sie amen durch Dörfer, sahen Blitze von Explosionen und hörten Maschinengewehrfeuer. Und obwohl sie dies schon aus Homs kannten, kam es ihnen vor, wie die Hölle. "Als wir die Kampfgebiete hinter uns gelassen hatten, fühlten wir uns wie neugeboren," erinnert sich Hamid.

Nach zwei Jahren das erste Mal gut schlafen

Am Sonntag vor einer Woche erreichte die Familie das Flüchtlingslager Za'atri in Jordanien, wo über 120.000 syrische Flüchtlinge leben. Sie schliefen eine Nacht unter freiem Himmel, weil sie erst am nächsten Morgen ein Zelt erhielten. Sie hatten nichts mehr, aber fühlten so etwas wie Erleichterung. "Ich schlief das erste Mal seit zwei Jahren gut," sagt Hamid. "Wir schliefen alle gut."