05.07.2018

Gul Zahar (90 Jahre): Ein Leben ohne Frieden

Seit August letzten Jahres mussten über 700.000 Rohingya aus Myanmar nach Bangladesch fliehen. Sie suchen Schutz vor Gewalt, Unterdrückung und sozialer Ausgrenzung. Eine von diesen Leidtragenden ist Gul Zahar, deren Familie bereits in vierter Generation im Exil lebt.

Mit trüben Augen schaut Gul Zahar zurück auf ihr Leben. In ihnen spiegelt sich all das Unrecht, das ihr und ihrer Familie wiederfahren ist. Gul kommt aus Myanmar. Dort, in ihrer Heimat, wurden ihre  Grundrechte nicht ausreichend geschützt. Heute nicht, gestern nicht, vorgestern nicht: 1978, 1991 und nun wieder im letzten August musste Gul ihr Zuhause verlassen und nach Bangladesch fliehen – zum dritten Mal wurde sie damit zur Geflüchteten. „Mein Leben war voller Kummer und Leid“, sagt sie in ihrer kleinen Notunterkunft, die sie sich mittlerweile mit ihren Urenkeln teilen muss.

Gul und ihre Familie sind Staatenlose, eine Staatsbürgerschaft haben sie nicht. Über 10 Millionen Menschen auf der Welt geht es wie der Familie Zahar. Doch was das wirklich für den Alltag bedeutet, wird erst klar, als ihr Sohn Oli, ein Farmer, ergänzt:  „Wir konnten uns nicht frei bewegen, konnten unsere Nachbarn nicht besuchen. Nicht mal unser Gemüse durften wir zu anständigen Preisen auf dem Markt verkaufen.“

Im Exil in der vierten Generation


Olis Frau Ayesha Begum, konnte nicht ins Krankenhaus, als ihr Kind zu Welt kam, sein kleiner Bruder, Mohammad, nicht zur Schule, ihr kleiner Bruder nicht seinen Traum verwirklichen, Lehrer zu werden. Die kleine dreijährige Tochter Kismat Arat sitzt dabei auf dem Schoss – auch ihre Zukunft ist ungewiss. 90, 53, 40, 31, 25 und drei Jahre sind sie alt. Zahlen die nicht nur verdeutlichen, wie lange die Familie schon unter der Vertreibung leidet, sondern hinter denen allen auch persönliches Leid steht. Als Mohammad gefragt wird, wie er seinen Kummer beschreiben soll, nennt auch er eine Zahl – fünf. „Ein Tag ist lang, aber ich habe keine fünf Minuten Frieden am Tag! Das ist das Allerschlimmste. Seit dem ich auf der Welt bin, habe ich keine fünf Minuten Frieden erlebt!“

Der UNHCR setzt sich vor Ort ein


Damit hunderttausende Geflüchtete und auch Gul und ihre Familie unterstützt werden, hat der UNHCR zwei so genannte „Memorandums of Understanding“ unterschrieben. Eines mit den Behörden in Bangladesch, eines mit den Behörden in Myanmar, um einen Rahmen für freiwillige Rückkehrer zu schließen, der internationalen Standards entspricht.

Dennoch zeigt sich der UNHCR besorgt, da die Situation nach wie vor schwierig ist und die Gründe für die Flucht von den unzähligen Menschen weiterhin bestehen – zum Beispiel die fehlende Staatsbürgerschaft für die muslimische Minderheit der Rohingya. „Wir brauchen Anerkennung, dass wir als Rohingya ein Teil von Myanmar sind. Ohne Staatsbürgerschaft, werde ich nicht zurückkehren. Wir haben einfach genug“, sagt Oli.

Gul schaut zu ihm rüber. Nicht nur wegen ihrer trüben Augen hat sie eine andere Sicht der Dinge. Mit 90 Jahren ist sie zunächst einmal dankbar für den Schutz, den sie hier in Bangladesch gefunden haben. Trotzdem hat sie immer noch einen großen Traum und will zurück in ihre Heimat. „Ich möchte hier nicht sterben, sondern in meinem Zuhause. Auf meinem Grund und Boden.“