06.03.2017

Irak: Jeden Tag fliehen 4.000 Menschen

Etwa 4.000 Menschen fliehen jeden Tag aus dem umkämpften Westen der irakischen Stadt Mossul. Sie berichten von Gewalt, Hunger und Entbehrung in der vom Krieg verwüsteten Enklave.

Ein Mädchen aus dem Westen Mossuls bei der Ausgabe von Hilfsgütern in Hammam al-Alil.

Ein Mädchen aus dem Westen Mossuls bei der Ausgabe von Hilfsgütern in Hammam al-Alil. Foto: UNHCR

Ohne Lebensmittel und im Bombenhagel um sein Haus im Westen Mossuls entschloss sich Kifah, er müsste jetzt "da raus". “Es fielen so viele Bomben. Wir hatten keinen Reis, kein Brot, keine Milch. Es gab nichts mehr für die Kinder”, erzählt der 35-Jährige.

Seit Beginn der Militäroffensive im Oktober sind über 200.000 Iraker aus Mossul und den umliegenden Regionen geflohen. Es wird angenommen, dass von den 750.000 Einwohnern des Westteils bis zu 250.000 Menschen fliehen werden.

Nach dem Beginn der zweiten Offensive sind in weniger als einer Woche rund 30.000 Menschen aus der zweitgrößten Stadt im Irak geflohen. Das Auffanglager Hammam Al-Alil füllte sich schnell, als den ganzen Tag über Busse und Lastwagen erschöpfte Familien in das 25 Kilometer südlich der Stadt gelegene Lager brachten. Die Neuankömmlinge warteten geduldig in großen Zelthallen, bis sie Wasser und eine heiße Mahlzeit erhielten und später ihre Zelte zugewiesen bekamen.

Zweites Lager im Bau
Zusammen mit anderen Hilfsorganisationen errichtet UNHCR momentan ein weiteres Auffanglager für die Einwohner Mossuls. Hier sollen bis zu 30.000 Vertriebene unterkommen.Die Binnenvertriebenen erhalten außerdem Hilfsgüter, wie Decken, Matratzen, Hygiene- und Küchen-Sets, Heizlüfter und Wasserkanister.

"In den letzten Tagen ist eine beträchtliche Zahl von Menschen vor den sich verschlechternden Sicherheitsbedingungen und der ernsten humanitären Situation im Westen Mossuls geflohen", sagt Bruno Geddo, UNHCR-Vertreter im Irak. "Wir sind besorgt um die Sicherheit der Zivilbevölkerung und fordern die Behörden auf, allen, die fliehen, einen sicheren Durchgang zu gewähren."

Endlich in Sicherheit
Die Erleichterung ist den Geflohenen in Hammam Al-Alil anzumerken: “Ich habe meinen Hidschab abgerissen, sobald wir bei den irakischen Sicherheitskräften angekommen waren”, erzählt Kifah’s Frau Shayma.  “Ich bin so froh, jetzt. Wir haben zu essen und können ruhig schlafen. Ich habe nicht mehr schlecht geträumt, nur schöne Träume.”

Auch Saddam, 33, floh mit seiner Frau und den kleinen Kindern vor den heftigen Kämpfen in seiner Nachbarschaft: “Da waren Scharfschützen und Mörsergranaten. Nachts war es besonders schlimm. Die Kämpfe waren sehr heftig. Wir haben alles dagelassen, um frei zu sein”, erzählt er. “Mossul war wie ein Gefängnis für Verbrecher. Jetzt wird das Leben wieder normal.”

Eine Nacht blieb die Familie im Lager. Doch nun hoffen sie, zu Verwandten in dem kriegszerstörten Dorf in der Nähe ziehen zu können. Die Region um Hammam al-Alil wurde im November von den Regierungstruppen wiedererobert.

“Ich will eine Arbeit finden. Und ich möchte, dass meine Kinder in die Schule gehen”, fügt Saddam hinzu. “Wir hatten Angst, als wir flohen, aber jetzt bin ich so froh hier”, erzählt die 17-jährige Zeman. Sie floh mit ihrer Schwester und deren Kindern, als Bewaffnete sie zwingen wollten, aus ihren Häusern in andere Stadtteile zu gehen. “Ich bin froh, dass wir unser altes Leben zurückgelassen haben.”