05.12.2018

Niger: Wenn Prostitution zur einzigen Chance wird

Vor vier Jahren machte die Entführung von 300 Mädchen aus einer Schule in Nigeria durch die Terrorgruppe Boko Haram international Schlagzeilen. Doch die Not der Menschen, die mit der Gewalt der Boko Haram leben, ist mittlerweile wieder in Vergessenheit geraten, obwohl Entführungen von Mädchen noch immer an der Tagesordnung sind. Die Opfer werden, wenn sie überleben, von der Gesellschaft abgewiesen, leben am Rande der Gesellschaft und müssen mit dem Erlebten und den Folgen zurechtkommen.

Eine UNHCR-Mitarbeiterin spricht mit einem Opfer der Terrorgruppe Boko Haram. Foto: UNHCR/L.Donovan

Adia* wurde von Boko-Haram-Kämpfern entführt als sie 13 Jahre alt war. Doch auch nach ihrer Flucht, ist das Leid für die 15-jährige Adia* noch lange nicht zu Ende. Völlig allein muss sich das Mädchen nun durchschlagen und ist darauf angewiesen sich zu prostituieren.

Adia hatte die Wahl: entweder einen der Boko Haram-Kämpfer zu heiraten oder umgebracht zu werden.

Adia wurde in der Nähe der Grenze zu Nigeria gefangen genommen. Fünf Monate lang war sie in der Gewalt der Milizen. Die Mädchen wurden von den Jungen getrennt und in einem Pferch eingesperrt, der mit einem hohen Zaun umgeben war.

“Sie haben die Leute lebendig begraben, nur der Kopf guckte aus der Erde bis sie tot waren”, erklärt das Mädchen. “Wenn Du etwas gesagt hast, oder um Gnade für jemand anderen gebeten hast, dann haben sie dich auch umgebracht. Wir haben gegessen und getrunken, wenn sie daran dachten. Oft hatten wir tagelang nichts zu essen.”

Die Jungen wurden zu Kämpfern ausgebildet. Die Mädchen sollten die Frauen der Kämpfer sein oder als lebende Bomben benutzt werden. Sie mussten viel arbeiten, und wenn sie nicht arbeiteten, wurden sie „religiösen Lehren“ unterzogen. Wenn sie den Befehlen nicht folgten, wurden sie geschlagen.

Flucht vor den Terrormilizen
Kurz bevor sie verheiratet werden sollte, gelang Adia mit anderen Mädchen und Jungen zu fliehen. Sie wussten, wenn man sie finden würde, würden sie getötet werden. Die Gruppe lief nachts. Nach einer Woche erreichten sie die Stadt Maiduguri im Nordosten Nigerias. Adia ergatterte einen Platz in einem Auto, das in das benachbarte Niger fuhr. Dort hoffte sie, vor den Milizen sicher zu sein.

Adia hatte nichts außer den Kleidern, die sie trug. Sie wusste nicht, wo ihre Familie war. Eine Gruppe Gleichaltriger nahm sie in ihre Unterkunft auf. Doch ohne Hilfe von außen waren die Kinder darauf angewiesen, ihr Überleben durch Prostitution zu sichern.

“Ich wurde sehr schnell schwanger, nach gerade mal einem oder zwei Monaten ….. ich habe keine Ahnung, wer der Vater meines Babys ist“, erzählt Adia, während sie das anderthalb Jahre alte Kind auf ihren Knien schaukelt. “Ich mag das nicht, was ich tue ... aber wenn ich es nicht tue, hat mein Sohn Hunger. Manchmal zahlen sie mir nichts, sie geben mir nur etwas zu Essen, das ich mit dem Baby teilen kann. Wenn ich am Tag keinen Mann finde, haben wir nachts Hunger.”

Über 200.000 Flüchtlinge und Binnenvertriebene
Adias Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Sie ist eine von mehr als 118.000 Flüchtlingen aus Nigeria, die vor Boko Haram fliehen mussten. In der Region leben außerdem fast 105.000 Binnenvertriebene, seitdem Boko Haram auch in der Grenzregion des Nachbarlandes Angst und Schrecken verbreitet.

Die Hälfte der Flüchtlinge und Vertriebenen sind Frauen. 55 Prozent von ihnen sind unter 18 Jahren. Mindestens 3.500 sind Opfer sexueller Gewalt geworden. Die Dunkelziffer ist hoch.

In der Region arbeitet das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), um speziell diese Zielgruppe zu unterstützen. “Die Gewalt und der Missbrauch betrifft nicht nur die Frauen und Mädchen, die von Boko Haram fliehen konnten, sondern ganze Familien und die Gemeinschaften als Ganze, weil sie destabilisiert, demütigt, marginalisiert und stigmatisiert“, sagt die UNHCR-Repräsentantin im Niger Alessandra Morelli. “Wir müssen geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt als Verbrechen anerkennen.“

UNHCR-Mitarbeiter haben Adia erst einmal in ein Flüchtlingslager gebracht. Dort bekommt sie eine Unterkunft, medizinische Hilfe und das Nötigste zum Leben. Auch wird sie in die Schule gehen können und gleichzeitig wird nach Möglichkeiten gesucht, sie in einem Drittstaat anzusiedeln.

*Name aus Sicherheitsgründen verändert