13.03.2018

Syrien: Ost-Ghouta - ein Leben in Angst

UNHCR-Repräsentant in Syrien, Sajjad Malik, begleitete den ersten Hilfskonvoi mit humanitären Gütern am 5. März nach Ost-Ghouta. Etwa 393.000 Menschen sind seit fünf Jahren in der Enklave nahe Damaskus eingeschlossen. Der Konvoi musste wegen heftigem Raketenbeschuss unverrichteter Dinge wieder umkehren. Wenige Tage später wagten die Helfer sich erneut in das umkämpfte Gebiet.

Ein Hilfskonvoi fährt in Ost-Ghouta ein. Foto: UNHCR/S.Malik

UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming sprach mit Sajjad Malik über seine Eindrücke:

Fleming: Seit zweieinhalb Jahren sind Sie UNHCR-Repräsentant in Syrien. Jetzt waren Sie mit in Ost-Ghouta. Was haben Sie dort erlebt?

Malik: Die Stadt ist am Rande einer riesigen Katastrophe. Wenn man durch die Straßen läuft, sieht man Zerstörung und Vertreibung. Tote liegen noch immer in den zerstörten Gebäuden. Der Geruch ist sehr stark. Viele Menschen leben in überfüllten Kellerräumen.

Als wir da waren, kamen die Menschen aus den Kellern – es fällt schwer, sie zu beschreiben. Ihre bleiche Haut, man sieht Hautausschläge, sie sehen verkümmert aus. Kinder, die Dir sagen, dass sie 12, 13, 14 sind, sehen aus wie 6, 7 oder 8 Jahre. Sie sind sehr, sehr klein.

Und dann das Trauma, das sie durchleben – die ständigen Bombenangriffe, ein Leben in Angst, nicht zu wissen, was passieren wird. In anderen Orten, die belagert werden und wo es keine Lebensmittel gibt, da kann man Hilfe bringen. Aber hier waren wir nicht mal sicher, was wir den Leuten bringen sollen. Wir hatten Lebensmittel dabei, aber das war nicht genug.

Die Menschen brauchen Lebensmittel, sie brauchen dringend medizinische Hilfe und Medikamente – aber was sie vor allem brauchen, ist ein Ende der Bombardierungen und sie brauchen Sicherheit. Warum fliehen die Leute nicht?

Zum einen ist es die Sicherheit: dass sie sicher durch die Checkpoints kommen. Zum Zweiten, dass sie, wenn sie in den von der Regierung kontrollierten Gebieten ankommen, sicher sind, dass sie nicht wiederrum vor schwierigen Situationen stehen. Sie haben mir gesagt: “Wenn wir von hier um unser Leben rennen, wollen wir auf keinen Fall auf der anden Seite den Tod finden.”

Die Menschen erleben gerade jetzt eine aggressive militärische Offensive. Es gibt bewaffnete Gruppen, die noch immer da sind und kämpfen und es gibt Gruppen, die sich untereinander bekämpfen. Die Zivilisten sind in dieser Situation gefangen und können nirgends hin.

Sie müssen völlig verängstigt sein.Ich habe noch nie in meinem Leben solch verängstigte Gesichter gesehen, wie dort. Die Worte, die beschreiben, was das bedeutet, was das für eine Angst ist, muss man erst erfinden. Man kann es in ihren Augen sehen, in dem Ausdruck, auf ihren Gesichtern. Und sie hoffen verzweifelt, dass jemand kommt und ihnen da raushilft.

Und es sind vornehmlich Frauen und Kinder, die sie dort gesehen haben?

Ja, in dem Stadtteil, durch den ich gegangen bin, waren es erstaunlicherweise mehrheitlich Frauen und Kinder.  Der Stadtrat bestätigte mir, dass der Großteil der Familien jetzt von Frauen – Großmütter, Mütter, Schwestern – geführt werden. Sie sind diejenigen, die diese schwierige Situation managen. Ich weiß nicht, wie sie das machen.

Sie sind mit dem humanitären Konvoi nach Ost-Ghouta gefahren, beladen mit Hilfsgütern. Aber die LKWs konnten nicht entladen werden – das war sehr frustrierend.*

Ja, am Ende konnten wir die LKWs nicht entladen. Die Bomben fielen 600 Meter von wo wir standen. Es wurde sehr laut und wir mussten alles evakuieren, weil das ganze freiwillige Team in Gefahr geriet. 10 LKWs wurden gar nicht entladen, vier nur teilweise. Das war frustrierend, denn wir waren ja unter großem Aufwand hingefahren. Da waren Menschen die hungrig waren – wir sahen sie – und wir konnten ihnen keine Hilfe geben. Aber wir sind entschlossen wieder zurückzugehen.

Aber es ist ja nicht die Entschlossenheit der humanitären Helfer, die die Hilfe zu den Notleidenden bringt. Wir wollen, dass die Bombardierungen aufhören. Wer immer Teil dieser Gruppen in Ghouta ist – sie müssen uns versichern, dass wir sicher dorthin fahren können. Und diejenigen, die draußen sind, müssen garantieren, dass solange wir in Ost-Ghouta sind und Hilfsgüter verteilen eine Waffenruhe eingehalten wird. Wir sind entschlossen wieder zurückzugehen.

Vielen Dank für Ihre Eindrücke!

*Am 9 März fuhr der humanitäre Konvoi ein zweites Mal nach Ost-Ghouta. Dort konnten die restlichen Hilfsgüter entladen und verteilt werden.