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Ich packe meinen Koffer

Gastbeitrag: "Ich merkte, wie meine Hände anfingen zu zittern. Mit einem Schlag war alles wieder da." Jameel und seine Familie mussten aus Syrien fliehen. Hier erzählt er, wie ein Spiel für Kinder schmerzhafte Erinnerungen hervorgebracht hat.

Jameel Juratly mit seiner Frau Kenana

Gerade in Deutschland angekommen, erkundete ich jeden Tag unsere Umgebung. Ich ging zum Bäcker um die Ecke, stand vor dem Schaufenster und betrachtete die vielen Brot- und Brötchensorten und ihre langen Namen. Auf dem Rückweg wiederholte ich die Wörter, während ich versuchte, mich nicht zu verlaufen: Se-sam-brötchen… Sesambrötchen… Sesambrötchen. Mohnbrötchen. Dreikornbrötchen. In zwei Wochen lernte ich die Namen der Brötchen, ohne es je zu wagen, eines zu kaufen.

Unsere Kinder fuhren mit dem Fahrrad in der nahen Umgebung herum und lernten die Straßen kennen. Schon zwei Wochen vor Beginn des Schuljahres begannen wir, uns den Weg zur Schule einzuprägen. Dort half uns Renate, die Integrationslotsin, bei der Anmeldung.

Am Abend vor dem ersten Schultag kam Renate uns besuchen. Meine Frau hatte Kokoskuchen gebacken, und wir brühten arabischen Kaffee auf. Der Geruch entfaltete sich in der Wohnung, und wir horchten auf die Einfahrt, um Renate an der Haustür zu empfangen. Meine Frau servierte den Kuchen, Renate fragte nach dem Rezept, gemeinsam wälzten wir das Wörterbuch und malten Bilder, um die Zutaten zu beschreiben.

Dann saßen wir auf dem Sofa, und sie schlug vor, ein Spiel zu spielen, um Vokabeln zu lernen. Ich verzog mich auf den Sessel am Fenster. “Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Eine Hose”, sagte sie. Meine kleine Tochter wiederholte ihren Satz und ergänzte: “Und eine Teddybär”. „Einen“, korrigierte Renate. „Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Eine Hose und einen Teddybär und mein Schmuckkästchen“, sagte meine große Tochter. Meine Frau wiederholte das Gesagte und ergänzte: „Und meine Fotoalben“.

Ich merkte, wie meine Hände anfingen zu zittern. Mit einem Schlag war alles wieder da.

Es war nicht lange her, dass wir unsere Koffer gepackt hatten. Was nicht hineinpasste, mussten wir zurücklassen. Meine Frau hatte gesagt: “Ich packe die Fotoalben ein, die müssen wir mitnehmen”. „Die Fotos sind Luxus“,  rief ich. „Eine Flucht ist kein Umzug“. „Diese Fotoalben sind meine Erinnerungen, ich kann sie nicht hierlassen“, sagte sie fest entschlossen. „Wir fliehen in ein fremdes Land”, schrie ich und war wütend, “wir wissen nicht, was kommt. Wir brauchen Kleidung und Schuhe, Erste-Hilfe-Material, Medikamente. Wir fahren nicht in den Urlaub, wir gehen weg, für immer.“ Ich war wütend auf meine Frau und auf den Krieg und auf das Kofferpacken, einfach auf alles.

“Lass uns die Fotos in den Koffer packen”, sagte meine Frau ganz ruhig, “ganz sicher werden sie uns helfen da drüben. Kleidung und Schuhe gibt es auch dort, aber unsere Erinnerungen können wir nicht wiederholen. Mir platzte fast der Kopf. Die Kinder wollten Kuscheltiere, Barbies, Kissen, Spiele, Lego Figuren und Bausteine, Sonnencreme und ihren MP3 Player mitnehmen, meine Frau holte Schmerztabletten und ihr Tagebuch. Die Kleinste wollte unbedingt die Katze mitnehmen, die Älteste ihr Schmuckkästchen, das sie zu ihrem sechzehnten Geburtstag von ihrer Großmutter als Geschenk bekommen hatte. Ich kenne es seit meiner Kindheit, es ist aus schwarzem Leder und das Innenfutter ist aus weichem rotem Samt.

Ein geblümtes Halstuch, Mäntel, Jacken, Röcke, Blusen legte meine Frau hin, hängte sie wieder auf, warf sie sich über.

Alles, was vorher normal war, wurde plötzlich wertvoll.

Die Bilder an der Wand, die man schon gar nicht mehr gesehen hatte, offenbarten wieder ihre Geschichten. Das Gemälde im Schlafzimmer hatten wir in unseren Flitterwochen gekauft. Das Gemälde im Wohnzimmer kam vom verstorbenen Vater. Die Vorhänge hatte  meine Mutter genäht und bestickt. Sie hatte viele Nächte an ihrer Nähmaschine verbracht.

25 Jahre lang haben wir unser Haus Stück für Stück möbliert. Sessel, Sofa, Tisch und Vorhang. Bücherregal, Betten, Teppiche und Schränke. Stehlampe, Schreibtisch, Esstisch, Stühle und Waschmaschine. Herd und Geschirr und Teemaschine, Mikrowelle und Spülmaschine. Jedes Stück trägt eine Erinnerung. Ich brauchte fünf Jahre, um die Raten für die Waschmaschine zu bezahlen. Ich habe ein Jahr lang Überstunden gemacht, um den Herd und den Kühlschrank kaufen zu können.

In Syrien folgt der Kauf eines Möbelstücks einem langen Plan. Alles wird erhalten und an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben. Paare erhalten zu ihrer Heirat Möbel und Küchengeräte. Jedes Geschenk trägt eine Erinnerung. Wenn ich die Karottenpresse benutze, fällt mir sofort ein, wer sie uns gegeben hat.
Wie schwer, all das in einen Koffer zu packen.

Wie schwer, ein ganzes Leben auf einen Koffer zu reduzieren. Doch wir packten unsere Koffer.

Ich ließ den Schreibtisch zurück, der mich viele Jahre begleitet hatte. Noch nach Wochen hörte ich nachts mein Fenster sagen: “Warum hast du mich zurückgelassen und bist weggegangen?” In der Dunkelheit sah das Fenster mich an, und ich sah auf die zwei alten Eukalyptusbäume am Straßenrand, die ich an heißen Sommertagen gegossen hatte, und sah auf das vertraute Nachbarhaus von Abo Marwa und Om Marwa. Wie gerne würde ich Ihnen noch einmal dabei zusehen, wie sie in der Küche das Essen vorbereiten, wie sie zusammen lachen oder unserer Katze heimlich ein Leckerli geben.

Ich hatte meinen Koffer gepackt und in ein fremdes Land mitgenommen, hatte den Koffer dort ausgepackt und alles an seinen Platz gestellt. Ich hatte ein paar der Fotos aufgestellt, auf denen im Hintergrund auch die Gemälde aus dem Wohnzimmer zu sehen sind. Ein Foto vom Blick aus dem Fenster gab es nicht.
Lange hatten wir versucht, den Duft in den Hemden zu konservieren. Wir schlossen die Knöpfe fest, damit der Geruch der Hemden nicht verflog. Wir schlossen abends den Schrank und wussten, dass der Geruch immer noch in den Kleidern war. Die erste Wäsche der Kleidung fiel uns unendlich schwer. Wir hatten mit den Dingen auch den Geruch von ihnen in den Koffer gepackt. Sein Gewicht wurde auf der Waage am Flughafen nicht berechnet.

Ich saß auf meinem Sessel in der Zimmerecke und tat, als wäre ich mit dem Handy beschäftigt, während sie ihr Spiel spielten. Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Eine Hose, einen Teddybär, mein Schmuckkästchen, meine Fotoalben. „Kuscheltiere, Kissen, Spiele, MP3 Player, meine Lego Bausteine, Lego Figuren, die Katze, den Großvater, die Großmutter …“, hastig hatte mein Sohn gesprochen, und dann versagte ihm die Stimme.

Ich stand auf und setzte mich zu ihnen. Ich wiederholte all das Gesagte, wunderte mich, dass mein Sohn schon so viele deutsche Wörter gelernt hatte, vergaß keines der Dinge, die sie genannt hatten, denn ich kannte sie alle, und ergänzte: „Und mein Fenster im Arbeitszimmer mit dem Blick auf das Nachbarhaus und die Eukalyptusbäume “. Ich legte meinem Sohn den Arm um die Schulter. „Und jetzt schaue ich jeden Morgen aus meinem Fenster zu unseren neuen Nachbarn Rudolf und Annelie rüber. Übrigens, sie haben uns für morgen zum ersten Schultag zum Kaffee eingeladen.“

 
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Bemerkungen

  • user
    Luzia 29.07.2021 um 08:46
    Hallo Jameel,

    Du hast es sehr eindrucksvoll beschrieben und die Geschichte hat mich sehr gerührt.
  • user
    Jens Engler 01.07.2021 um 03:46
    Lieber Herr Juratly,
    die Geschichte ist wunderbar zu lesen. Danke für diese kleine Freude.
  • user
    Michael Stadler 20.06.2021 um 02:57
    Die Geschichte ist sehr eindrucksvoll!
    Sie zeigt, dass die Menschen, die zu uns nach Deutschland fliehen, dies nicht leichtfertig tun und ganz viel zurücklassen müssen.
    Machen wir es ihnen doch etwas leichter dadurch, dass wir ihnen zeigen, dass sie hier willkommen sind und einen Platz haben, an dem sie selbst und ihre Erinnerungen erwünscht sind, weil sie uns alle bereichern!
    Ich wünsche Jameel und seiner Familie alles Gute. Es ist schon erstaunlich, dass jemand der erst vor ein paar Jahren aus Syrien zu uns gekommen ist, sich schon jetzt in der deutschen Sprache so schön ausdrücken kann. eine Bereicherung!
  • user
    Regine Harms 19.06.2021 um 09:55
    Dieser Beitrag ist nicht nur sehr bewegend, was die Fluchtgeschichte angeht, sondern auch für alle Leserinnen und Leser eine Aufforderung zu überlegen: "Was ist mir wirklich wichtig?" Und wir sollten zutiefst dankbar sein für das, was wir haben: es ist nicht selbstverständlich. Ich kann Kenana gut verstehen: Fotos würde ich auch einpacken, wenn ich nur einen Koffer mitnehmen könnte. Die alten Bilder sind noch nicht digital , sonst könnte heutzutage ein Stick auch reichen. DANKE für die Teilhabe an eurer Geschichte und Respekt, in was für hervorragendem deutsch nach ca. 5 Jahren du, Jameel, dich ausdrücken kannst!
  • user
    jameel Juratly 17.06.2021 um 03:34
    Vielen Dank!
    • user
      Franziska Becker 17.06.2021 um 10:51
      Toll geschrieben- sehr eindrucksvoll- vielen Dank