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Das Gedächtnis der Schwalben

Gastbeitrag: Seit 2011 herrscht Krieg in Syrien. Die einst belebten Straßen und schönen Gebäude sind in zahlreichen Städten komplett zerstört und kaum wiederzuerkennen. Geblieben sind einzig Ruinen. Jameel erzählt von der Zerstörung in seinem Heimatland aus der Perspektive der Schwalben.

Schwalben
© privat

Autor: Jameel Juratly

Jameel Juratly ist 53 Jahre alt und stammt aus Homs in Syrien. Im Oktober 2014 musste er mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Deutschland fliehen. Mittlerweile ist er hier angekommen und arbeitet als Hauptamtlicher Sprachmittler bei der Stadt Oldenburg im Amt für Zuwanderung und Integration. Doch seine Erinnerungen an sein Leben in Syrien und die schönen Tage vor dem Konflikt bleiben und gleichzeitig das Wissen, dass diese Heimat nicht mehr existiert. Jameel liest und schreibt viel, auch über die Schwierigkeiten, ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen. Dabei erzählt er diesmal von der Zerstörung in Syrien aus Vogelperspektive.

Zugvögel haben zwei Zuhause. Wir hier in Deutschland denken: unsere Schwalben fliegen im Winter in den Süden und kehren danach nach Hause zurück. Wir in Syrien denken: unsere Schwalben kehren nach dem Flug in den Norden wieder hierher nach Hause in ihre Nester zurück.

Jedes Jahr treten Schwalben im Winter wieder den Flug in den Süden an, so wie es ihre Familienangehörigen schon seit Generationen machen. Genauso gehen meine Gedanken und meine Sehnsucht immer wieder dorthin zurück – in den Süden nach Syrien. Genau dahin, wo das Haus stand, wo Kinder gespielt haben und der alte Mann auf seinem Balkon saß.

Während all der Kriegsjahre in Syrien kehrten Schwalben jedes Jahr an diesen Ort zurück, trotz der großen Wahrscheinlichkeit, dass die Gebäude und ihre Nester bereits dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Die Schwalben, vertraute Freunde, die in eine Welt zurückkehren, in der Vertrautheit gefährlich wirkt, in der jeder Rückblick auf “was mal war” zu schmerzhaft ist - wenn man zu den Glücklichen gehört, die den Schmerz noch spüren können.

In Syrien bauen die meisten Schwalben ihre Nester auf den Dächern, weil die Dächer dort flach sind mit Wasser- und Dieseltanks und Satellitenempfänger vollgestellt und eben dazwischen finden die Schwalben ihren Platz.

Sind diese Schwalben nicht wirklich erstaunlich! Im Norden bauen sie ihre Nester immer unter die Hausdächer, in die Ställe und kleben sie hoch oben an die Decke. Und im Süden können sie Nester auf die flachen Dächer bauen. Diese kleinen schwarzen Vögel mit weißem Bauch und mit dem gegabelten langen Schwanz haben ein gutes Gedächtnis. Ihre Erinnerungen führen sie immer wieder zu ihren alten Nestern zurück...

Schwalben fliegen an Balkonen vorbei und schreien im Moment ihrer Ankunft auf wegen der großen Veränderungen. Der Ort liegt zu großen Teilen in Schutt und Asche, und die Nistmöglichkeiten für die Schwalben sind stark eingeschränkt. Die Nester vom Vorjahr sind meist nicht mehr vorhanden.

Hier haben wir es mit Generationen von Rauch- und Mehlschwalben zu tun, die sich wie Menschen vermehren und Familiengeschichten und Abstammungslinien haben. Das wirklich Seltsame ist, dass diese Zugvögel auch in Länder, in denen Krieg herrscht, zurückkehren wollen.

Einst wohnten hier, im Haus unter ihren Nestern, drei Kinder, die täglich Ball spielten, jetzt gibt es dort nur noch die Überreste von hohen Eukalyptusbäumen, die durch Bomben zu Asche zerfallen sind.

Die Schwalben müssen unfreiwillig neue Wohnorte und Nester suchen. Die Vögel hatten früher eine gute Beziehung zu den hier lebenden Menschen.

Wo ist der einsame, alte Mann, der jeden Tag geweint hat, als er auf den Balkon gegangen ist?

Ist der Kranke in dem Haus mit dem Garten gestorben, nachdem seine Familie so viel auf sich nehmen musste, um ihm seine täglichen Medikamente besorgen zu können?

Die kleinen, schwarzen Schwalben suchen nach den Menschen, die sich an diesen Orten befanden, aber der Kontakt zu den Menschen scheint schwieriger geworden zu sein.

Rauch- und Mehlschwalben sind Kulturfolger und damit an menschliche Siedlungen als Lebensraum gebunden.

Schwalben steigen hoch in die Lüfte, damit sie die Menschen sehen können, die sie kennen und mit denen sie sich in den vergangenen Jahren angefreundet haben. Doch was sie sehen, führt bei den Tieren zu großer Verstörung.

Die drei Kinder, die in der Nachbarschaft gelebt haben, müssen Opfer der Zerstörung und Verwüstung geworden sein.

Gleiches gilt für den alten Mann, der früher Futter und Wasser für die Vögel bereitgestellt und klassische Musik gehört hat. Er muss gestorben sein, weil der Balkon, auf dem er saß, inzwischen zerstört wurde.

Auch die Schwalben wurden zu Flüchtlingen in Nestern zwischen den herabgestürzten Mauern und heruntergekommenen Wänden. Da waren keine Menschen mehr, die Körner auf die Fensterbänke streuten, damit sich die neu angekommenen Schwalben stärken und vom Reisen erholen können.

Auch die ortstreuen Schwalben, die aus Europa auf der Suche nach Wärme in den Nahen Osten kommen, müssen die schrecklichen Tatsachen, die der Krieg mit sich bringt, akzeptieren.

Dies hindert die kleinen schwarz-weißen Vögel jedoch nicht daran, ihre üblichen Symphonien zu zwitschern, wenn sie durch die Luft fliegen. Auch sie müssen sich diesen neuen Gegebenheiten anpassen. Die Vögel singen, als wollten sie die Opfer trösten, die unter den Trümmern begraben sind. Gleichzeitig sind sie mit dem Bau neuer Nester beschäftigt, die sie an Haus- und Stallwände kleben.

Wenn man genauer hinsieht merkt man vielleicht, dass viele der Schwalben das alte Leben der Bewohner - die vertraute Vergangenheit - gar nicht kennen, da sie zur neuen Generation gehören und zum ersten Mal den großen Flug in den Süden gemeistert haben. In jedem neuen Moment ist nichts wie es einmal war - ist dies angsteinflößend oder hoffnungsvoll? Wir haben die Wahl. Heißt Hoffnung haben vielleicht den Mut in uns zu finden die Vergänglichkeit des Lebens anzunehmen?

Schwalben gelten als Sommerboten und sollen Glück bringen. Tun sie das auch in Syrien?

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