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Der Wunsch nach Anerkennung

Über innere Zerrissenheit und wie Integration gelingen kann, berichtet Autor Junis Sultan im Interview.

Junis Sultan hat selbst erlebt, was es bedeutet auf der Flucht zu sein und in einem fremden Land neu anfangen zu müssen. Vorurteile, Diskriminierung und Fremdenhass haben ihm seine Integration in Deutschland erschwert. Seine Geschichte hat er in seinem Buch „Glaubenskriege – von Fremden und Freunden“ festgehalten. Wir haben mit ihm über seine Erlebnisse gesprochen und nachgefragt, wie er als Lehrer die Integration von Schüler*innen mit Migrationshintergrund heutzutage wahrnimmt. 

Zur Buchrezension

Was hat Sie dazu bewegt Ihre Geschichte aufzuschreiben?

Eine tiefe persönliche Krise hat mich dazu bewegt, meine Geschichte aufzuschreiben. Nach der Rückkehr von einem Auslandsstudienjahr in Kalifornien erlebte ich einen umgekehrten Kulturschock: Rassismuserfahrungen, die Aufdeckung der NSU-Mordserie und vor allem die Trennung meiner Eltern nach jahrelangen zermürbenden Konflikten in denen kulturelle und religiöse Unterschiede immer wieder hochgespielt wurden. Das Gefühl der Einsamkeit, Traurigkeit und Verzweiflung wurde letztlich von etwas Stärkerem übertrumpft: Hoffnung und Liebe (für sich selbst und andere). Der Tiefpunkt meines Lebens war somit zugleich ein Wendepunkt. Ich hatte den Entschluss gefasst, meine Geschichte aufzuschreiben, um zu verstehen, was meine Familie und ich erlebten, was wir hätten besser machen können und müssen, und vor allem, um Menschen mit ähnlichen Erfahrungen Mut für die Gestaltung
einer besseren Zukunft zu machen und den ein oder anderen für die wichtigen Themen Menschenrechte und Integration durch eine sehr persönliche Erzählung zu sensibilisieren.

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden noch immer benachteiligt im deutschen Bildungssystem – was müsste unternommen werden, um diese Lücke zu schließen?

Das Bildungssystem müsste die demographischen Realitäten anerkennen und eine Politik der Anerkennung etablieren. Immer mehr Schüler*innen weisen einen Migrationshintergrund auf, der über die europäischen Grenzen hinausreicht und mit nicht-europäischen Muttersprachen einhergeht.

Schulen müssten also ihr Sprachangebot nicht nur entsprechend erweitern, sondern diesen „anderen“ Sprachen auch den gleichen Stellenwert wie beliebten europäischen Sprachen geben. Das heißt: Muttersprachenunterricht müsste in allen Schulformen den Status der Versetzungsrelevanz erhalten. Dies würde die Chancengleichheit verbessern. Um dies zu realisieren, müsste in die Hochschul- und Lehrerausbildung und in die Digitalisierung der Schulen nachhaltig investiert sowie die volle Anerkennung von ausländischen Lehrqualifikationen vereinfacht werden. Außerdem müssten die Erkenntnisse der Sprachwissenschaft berücksichtigt werden, insbesondere bezüglich des Zweitsprachenerwerbs und der Bilingualität. Es wäre gerechter und effizienter, spätestens in der Grundschule schülerorientierte bilinguale Bildungsangebote zu machen, die die Erstsprache systematisch mitfördern; dies erleichtert das Erlernen der Zweitsprache (Deutsch) signifikant.

Das Bildungssystem müsste zudem allgemein später selektieren, frühestens nach 6 Jahren Grundschule so wie es andere erfolgreichere Bildungssysteme tun. Dies würde Schüler*innen mit Migrationshintergrund mehr von der notwendigen Zeit geben, die deutsche Sprache zu erlernen. Für sogenannte Quereinsteiger müssten flexible Sonderregelungen etabliert werden, die zu einem bestmöglichen Schulabschluss führen. Nachteilsausgleiche in der Regelklasse und zusätzliche DaZ-Kurse wären hier ein geeignetes Mittel.

Sie unterrichten als Lehrer auch "Intensivklassen". Warum sind diese Sonderklassen wichtig?

Tatsächlich unterrichte ich dieses Halbjahr keine „Intensivklasse“ mehr, da ich vermehrt in Englisch eingesetzt wurde. Die Sonderklassen sind zweifelslos besser als ein konzeptloses Mitunterrichten von Flüchtlingen und anderen Quereinsteigern in der Regelklasse, da dies eine Überforderung für alle Beteiligten darstellen würde. Die „Intensivklassen“ stellen für manche daher eine Art Schutzraum dar, in dem sich Schüler*innen ohne Leistungsdruck in einem für sie neuen Land orientieren können. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche Argumente, die gegen solche Sonderklassen sprechen. Auch wenn die Intention gut ist (Deutschlernen bis ein erfolgreicher Übergang in die Regelklasse möglich ist), stellen die Sonderklassen eine Art von institutionellem othering dar, eine Form direkter Diskriminierung mit all den Folgen wie sich die Schüler*innen selbst sehen und gesehen werden. Hinzu kommen weitere Mängel: keine Lehrpläne in manchen Bundesländern, unqualifiziertes Personal, mangelhafte Integration in die Schulgemeinschaft etc.

Eine gute Alternative wäre daher die direkte Integration in eine Regelklasse mit begleitenden Maßnahmen, wie es in manchen Bundesländern bereits praktiziert wird. Dies fördert die Akkulturation, insbesondere Integration, besser. Nichtsdestotrotz werden auch hier zusätzliche DaZ-Lehrkräfte,
Psychologen und Sozialarbeiter benötigt, um die Schüler*innen professionell zu begleiten und stark zu machen.

Welche besonderen Herausforderungen nehmen Sie bei ihren Schülern wahr bezüglich deren Integration?

Die Schüler*innen gehen mit dem Thema Integration überwiegend entspannt und neugierig um. Sicherlich gibt es immer wieder Schüler*innen, die sprachliche Probleme mitbringen und gefördert werden müssen, zumal die Entwicklung bilingualer Kompetenzen Zeit benötigt. Die Fördermaßnahmen sind aber temporär und werden von anderen Schüler*innen nicht als Grund für eine mögliche Diskriminierung verwendet. Im Gegenteil: Respekt hat einen hohen Stellenwert unter Kindern und Jugendlichen und wird auch gegenseitig eingefordert.

Diversität wird in der Regel wertgeschätzt. Eine besondere Herausforderung für einige Schüler*innen mit nicht-europäischem Migrationshintergrund ist es, ihre familiäre soziokulturelle Identität in einem eurozentrischen Bildungssystem nicht zu verlieren. Hier geht es u.a. um Muttersprache, aber auch um religiöse Rituale wie Gebete etc. Was die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich betrifft, sind die Möglichkeiten der Schule eher beschränkt. Dies nehme ich insbesondere bei Schüler*innen wahr, die gerade von der „Intensivklasse“ in die Regelklasse übergehen und sich manchmal zum Beispiel nicht einmal ein Workbook leisten können. Von angesagten gadgets, Markenartikeln, Hobbies etc. können diese Schüler*innen, die oft in sehr beengten Verhältnissen leben, nur träumen.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch viel zu ihrer innerlichen Zerrissenheit zwischen der christlichen und muslimischen/deutschen und arabischen Kultur und den Erwartungen, die mit diesen einhergehen – wie stehen Sie heute dazu?

Heute denke ich, dass sich diese Zerrissenheit auf einige Faktoren zurückführen lässt, die jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen leicht überfordert hätten. Am Prägendsten waren die andauernden Konflikte in meinem christlich-muslimisch/deutsch-irakischen Elternhaus, in denen unterschiedliche religiöse und kulturelle Erwartungen zur chronischen Abwertung der „Anderen“ führten. Dies schadete dem Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl meiner Geschwister und mir enorm. Gerade für Jugendliche auf Identitätssuche können solche Konflikte in tiefe Abgründe führen, wie man in meinem Buch sehen kann. Sicherlich spielt die Persönlichkeitsstruktur auch eine Rolle. Sensible Personen wie ich empfinden solche Konflikte noch einmal intensiver. Die Konflikte in meiner Familie spielten sich auch auf gesellschaftlicher Ebene ab, insbesondere Anfang der 1990er Jahre und nach dem 11. September 2001, was wiederum alltägliche und langjährige Beziehungen teilweise stark belastete. Heute denke ich nach wie vor, dass angeblich unüberbrückbare religiöse und kulturelle Unterschiede nur Ausreden für unser menschliches Versagen sind, „anderen“ Menschen mit einer tiefen und verbindenden Art von Respekt zu begegnen, die sich auf die Würde des Menschen zurückführen lasst.

Gab es einen Wendepunkt in Ihrem Leben, ab dem Sie Ihr Leben in Deutschland positiv gesehen haben?

Dieser Wendepunkt kam für mich als kleiner Junge nach einer monatelangen aber letztlich erfolgreichen juristischen Auseinandersetzung mit einer Gemeinde im Main-Taunus-Kreis, die uns unsere Unterkunft zunächst wieder wegzunehmen versuchte. Als wir schließlich Gewissheit hatten, dass wir bleiben durften, entwickelte sich mein Leben in Deutschland rasch positiv: ich erhielt einen Kindergartenplatz, knüpfte erste Freundschaften, trat einer Blaskapelle bei, lernte relativ schnell Deutsch und entwickelte zunehmend das Gefühl der Zugehörigkeit. Dieses Gefühl ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, welches in den Integrationsdebatten nicht unterschätzt werden darf. Gleichzeitig ist die Befriedigung dieses Bedürfnisses bei Menschen mit Migrationshintergrund oft etwas komplexer, da vom Elternhaus aus die Zugehörigkeit mindestens eines weiteren (nicht des gesellschaftlich dominanten) Kulturkreises vorgelebt bzw. erwartet wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wenn Sie erlauben möchte ich groß träumen: ich wünsche mir eine Politik der Anerkennung, in dem die Würde aller Menschen und die gegenseitige Wertschätzung an erster Stelle stehen. Ich wünsche mir einen politischen Diskurs, in dem nicht über sondern miteinander geredet wird. Ich wünsche mir, dass politische Identität nicht mit Leitkultur gleichgesetzt wird, sondern in erster Linie auf Menschenrechten basiert und für jeden Menschen Freiheit zur Selbstentfaltung vorsieht. Ich wünsche mir, dass die Pflichten zur gegenseitigen Hilfe und zur Förderung von Gerechtigkeit ebenfalls ein wesentlicher Teil politischer Identität werden.

Ich wünsche mir, dass zentrale soziale Institutionen wie Schule all dies leben. Ich wünsche mir Chancengleichheit und Sprachengerechtigkeit im Bildungssystem, konkret: ein schülerorientiertes bilinguales Bildungssystem und längeres gemeinsames Lernen. Ich wünsche mir, dass es für all dies mutige juristische Grundlagen gibt, die nicht eine Reihe von Schlupflöchern beinhalten, sondern eine echte Veränderung zu mehr Gleichheit einleiten.

 

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