Südsudan

Dinge, die man zurücklassen musste

Mit 11 musste Gatdet aus dem Südsudan fliehen. Er hat alles verloren. Sein einziger Besitz ist ein Flugzeug, das er aus Ölkanistern bastelte. Foto: UNHCR/C.Tijerina

Wenn man wegfährt, gibt es immer etwas, das man vermisst: einen bestimmten Ort, ein besonderes Essen, ein geliebstes Kleidungsstück oder einfach das eigene Bett. Dieses Gefühl ist noch schlimmer, wenn man keine Zeit zum Packen hatte, weil Krieg und Gewalt das eigene Leben bedrohen und man nur noch weg will.

In den Flüchtlingslagern erzählen die Menschen sich oft von Freunden und Familienangehörigen, die vermisst werden. Die Erinnerungen an die geliebten Menschen und alles was verloren ist, ist allgegenwärtig. Doch wenn die Menschen anfangen ihr Leben wieder zu ordnen und sich etwas neu aufzubauen, erinnern sie sich auch immer wieder an die kleinen Dinge, die sie zurückgelassen haben. Dinge des alltäglichen Lebens, die sie vermissen, weil sie einen besonderen Wert für sie haben.

Von diesen kleinen Dingen erzählen Flüchtlinge aus dem Südsudan:

Nyaruot vermisst Brot

Nyaruot, 13, mit ihrer Schwester Susanna. Nyaruot vermisst am meisten Brot.
Nyaruot, 13, mit ihrer Schwester Susanna, die sie im Flüchtlingslager Leitchuor in Äthiopien zum Zentrum für unterernährte Kinderbringt. Foto: UNHCR/C.Tijerina

Nyaruot ist 13 Jahre alt. Sie erinnert sich, dass sie zuhause in Südsudan immer genug zu essen hatten. Jetzt muss sie ihre einjährige Schwester Susanna jeden Tag in das Ernährungszentrum bringen.

Im Flüchtlingslager Leitchuor in Äthiopien leben über 45.000 Flüchtinge aus dem Südsudan. Jedes zehnte Kind unter 5 Jahren ist unterernährt. Oft waren sie Tage oder Wochen ohne Essen unterwegs, um vor der Gewalt zu fliehen.

Während die beiden Mädchen im Ernährungszentrum sind, sucht die Mutter nach Zwiebeln oder anderem, um das tägliche Essen nahrhafter zu machen - aber Nyaruot träumt von dem leckeren Brot, das es immer zu Hause gab.

“Das Baby kann nicht essen, was die Großen essen, darum weint sie vor Hunger. Wenn ich  Susanna weinen sehe, fühle ich mich so hilflos und erinnere mich an unser Zuhause im Südsudan, wo wir ihre alles geben konnten, was sie wollte. Es war so schwierig hierher zu kommen. Vater war nicht da und wir hatten kein Essen, wir tranken Wasser aus Pfützen. Die Farbe war schrecklich. Wir gossen es durch unsere Röcke, um ein bisschen von dem Dreck wegzukriegen. Es schmeckte eklig, aber es gab nichts anderes und meine Mutter weinte, wenn sie uns das trinken sah. Wir fühlten uns hinterher schwach, aber das war vielleicht wegen dem Hunger. Mein Herz sehnt sich nach Brot, und jeden Tag zur Schule zu gehen, weil ich wenn Susanna krank ist, mich um sie kümmern muss.”

Gatwech vermisst seine Schuhe

Gatwech, 15, lebt im äthiopischen Flüchtlingslager Tierkidi. Er möchte gern Politiker werden damit er im Südsudan Gutes tun kann. UNHCR/C.Tijerina

Gatwech ist 15 Jahre alt und lebt im Flüchtlingslager Tierkidi in Äthiopien. Er hofft einmal studieren zu können, um Politiker zu werden und Gutes für Südsudan zu tun. Er ist fest entschlossen, den Menschen etwas zu geben, das sie weiterbringt: Straßen, Strom und Krankenhäusern, anstatt einen Krieg zu führen, der alles schlecht macht.

“Ich vermisse meine Schuhe und meine Anziehsachen. Es macht mich so traurig, dass ich nichts anzuziehen habe, wenn ich in die Schule gehe. Jeden Tag trage ich die gleichen Sachen, die nicht passen und ich bin immer barfuß. Ich musste den ganzen Weg vom Südsudan ohne Schuhe laufen. Ich hatte diese schwarzen Schuhe mit weißen Sohlen und wenn ich sie getragen habe, fühlte ich mich so mächtig – so als wenn die Leute mich gesehen haben und mich respektiert haben, so als wenn ich alles hätte. Wenn ich hier in den Wald gehe, um Feuerholz zu holen, schneide ich mir in die Füße und ich denke nur an die Schuhe zu Hause, mit denen es mir jetzt nicht wehtun würde.”

Nyantay vermisst ihr Bett

Nyantay stolperte blind und allein durch den Wald um den Kämpfen im Südsudan zu entgehen. Foto: UNHCR/C.Tijerina

Als in ihrem Dorf im Südsudan Kämpfe ausbrachen, stolperte die 40-jährige Nyantay allein durch den Wald. Nyantayist blind. Sie stieß an Bäume und fiel so oft hin, dass sie schließlich hoffte, dass die Löwen und Hyänen, die sie hören konnte, sie fressen würden.

“Ich vermisse am meisten mein Bett. Mein Bett zu Hause war so bequem, nicht wie hier. Weil ich tagsüber nichts sehen kann, träume ich nachts von der Landschaft und sehe den Himmel mit sehr guten Menschen darin. Ich vermisse es, den Sonnenaufgang zu sehen. Früher bin ich immer früh aufgestanden, um ihn anzusehen. Augen sind sehr wichtig. Man kann sehen, wohin man geht, man sieht die Gefahren und die Entfernungen, aber jetzt ist alles weg. Ich sehe für mich keine Zukunft. Hier sitze ich nur an einem Platz und bin traurig.”

Koang vermisst seinen Laptop

Koang war Medizinstudent im Südsudan. Seit er vor der Gewalt in Malakal geflohen ist, versucht er im Flüchtlingslager Kule wieder neu anzufangen. UNHCR/C.Tijerina

Koang, 21, studierte im Südsudan Medizin. Als der brutale Konflikt die Stadt Malakal erreichte, rannte er mit nichts als den Kleidern auf de Leib um sein Leben.

Im Flüchtlingslager Kule in Äthiopien kann er sein Universitäts-Studium nicht fortführen. Jetzt beschäftigt er sich, indem er einen Gemüsegarten pflegt und hilft beim Bau einer Schule, damit er und andere eine richtige Ausbildung bekommen können.

“Ich vermisse am meisten meinen Laptop. Alles was ich brauche ich dieser Computer. Ich brauche ihn, um mit Menschen Kontakt zu halten, E-mails und er bedeutete mir so viel. Alle meine Dokumente waren da drin, alle meine privaten Dinge, meine Geheimnisse und meine Kommunikation mit Freunden.”

Nyaboth vermisst ihren Rock

Nach ihrer Flucht aus dem Südsudan mit ihrer Zwillingsschwester lebt die neunjährige Nyaboth im Flüchtlingslager Pugnido in Äthiopien. UNHCR/C.Tijerina

Die neunjährige Nyaboth trägt viel zu große Lumpen. Sie floh mit ihrer Zwillingsschwester in das Flüchtlingslager Pugnido in Äthiopien, nachdem sie Zeuge von Massakern geworden waren. Nyaboth würde eines Tages gern Lehrerin werden und den Menschen helfen, ein gutes Leben zu führen.

“Ich möchte Geld haben, um Kleider zu kaufen, damit die Leute sehen, wenn ich hübsch bin. Ich vermisse am meisten meinen schwarz-weißen Rock. Den trug ich, wenn ich zur Kirche ging und manchmal zu Schule und ich fühlte mich dann so glücklich. Eines Tages in der Schule, hörte ich den Krieg, die Gewehre hörten sich an wie "tow,tow,tow". Soldaten kamen und kämpften mit den Schülern und ich versteckte mich für drei Tage. Meine Eltern holten mich nach Hause für zwei Tage. Es war so schön und still und wir dachten es würde nicht mehr laut werden. Als es das wurde, hatten wir keine Zeit, um an Kleider zu denken.”

Gatdet vermisst das Geld, das seine Mutter verdiente

Mit 11 musste Gatdet aus dem Südsudan fliehen. Jetzt ist sein einziger Besitz ein Flugzeug, das er aus Ölkanistern bastelte. UNHCR/C.Tijerina

Gatdet musste mit 11 Jahren aus dem Südsudan fliehen. Er versteckte sich in einem Fluß, der rot war vom Blut, als die Milizen auf seine Klassenkameraden und Verwandten feuerten und viele ertranken. Heute, nachdem ein unbeaufsichtigtes Feuer das Zelt seiner Familie im Flüchtlingslager Kule in Brand setzte, ist das Einzige, das er noch besitzt ein Flugzeug aus Metall, das er aus leeren Ölkanistern gebastelt hat.

“Damals hatte ich nur Angst, dass meine Brüder im Feuer verbrannten. Ich verbrannte nicht, weil mich Nachbarn rauszogen, aber alle meine Kleider, das Essen, das Öl zum Kochen, die Matrazen , Tücher und Decken – alles weg. Ich vermisse am meisten das Geld, dass meine Mutter verdiente als sie Tee und Brot verkaufte. Ich bin traurig über all das, was wir verloren haben. Ich bin zur Schule gegangen, aber alle meine Bücher sind verbrannt. Ich mag Flugzeuge, weil sie von einem Ort zum anderen fliegen. Ich würde gern viele Orte besuchen, wie Amerika. Ich hoffe, dass ich auch nach Südsudan gehen kann, weil das mein Land ist, aber wir haben es verlassen, weil Männer mit Gewehren kamen.”