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Bienensterben, Bürgerkrieg und Flucht – Klimawandel in Syrien

Bei "Syrien" denken wir meistens nicht zuerst an "Klimawandel". Wie beides zusammenhängen kann und warum es uns alle interessieren sollte, erzählt der Syrer Majd im Interview.

Imker hält Biene in Fingern
© UNHCR/C.Brothers

© UNHCR/C.Brothers

Der Klimawandel betrifft uns alle – doch die Auswirkungen treffen nicht alle Menschen gleich.

Das zeigt sich nicht nur bei Naturkatastrophen wie anhaltender Dürre oder schweren Überschwemmungen, die die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung zerstören können, sondern insbesondere auch dann, wenn der Klimawandel und bereits bestehende fragile Situationen zusammenstoßen.

In vielen Regionen treffen die Auswirkungen des Klimawandels auf schon bestehende Konflikte und verschärfen diese. An anderer Stelle brechen, beispielsweise durch entstehende Ressourcenknappheit, neue Konflikte aus. In beiden Fällen können Menschen zur Flucht gezwungen werden.

Das lässt sich auch in einem Land beobachten, dass zwar viel in unseren Nachrichten auftaucht, aber kaum mit dem Thema Klimawandel in Verbindung gebracht wird: Syrien. Hier treffen steigende Temperaturen und anhaltende Dürren auf ein vom Krieg zerrüttetes Land.

Majd Esper, geboren in Damaskus und heute Student der Politikwissenschaft in Bremen, erklärt im Interview, welche Auswirkungen der Klimawandel in der ganzen Region hat und warum er als Erklärungsfaktor der jahrelangen Instabilität seiner Meinung nach nicht vernachlässigt werden darf. Majd engagiert sich im Rahmen des Projekts "KlimaGesichter" für die Deutsche KlimaStiftung.

UNO: Syrien ist sicher nicht das erste Land, das einem einfällt, wenn man über Auswirkungen des Klimawandels spricht. Trotzdem sagst du, dass dieser enorme Auswirkungen auf die Entwicklung in der Region hat und auch eine Rolle für den Ausbruch des Kriegs gespielt hat. Kannst du das genauer erklären?

M.: In Syrien gibt es natürlich mehrere Gründe für den Krieg. Ein nicht unmittelbarer Grund war der Klimawandel, aber ein wesentlicher. 2005 litt Syrien unter einer starken Dürre. Mein Onkel ist Bauer. Er hatte ca. 1500 Bienenkästen. 2008 hatte sich die Anzahl der Bienen halbiert. Mein Onkel konnte damals aber nicht sagen, wieso die Bienen gestorben sind. Er musste dann seine Region verlassen und in die Stadt ziehen. So erging es vielen Bauern. Die Städte waren übervölkerten. Es gab viele Probleme. Die Arbeitslosenquote stieg. Auch das führte sicherlich zur Revolution in unserem Land. Die Klimakrise war ein Grund für den Bürgerkrieg. Nicht der entscheidende Grund, aber einer.

Neben dem Sterben der Bienen gibt es aber auch noch andere Beispiele für Auswirkungen des Klimawandels in Syrien: 2005/2006 litt Syrien unter starker Dürre. Das wird seither von Jahr zu Jahr schlimmer. Die Temperaturen steigen stetig:

Sie haben sich in den letzten Jahren von ungefähr 30 Grad auf 35, 40, manchmal sogar 45 Grad erhöht.  

2009 und 2010 litten wir an einem Mangel in Syrien angebauten Obst und Gemüse. Aufgrund des Klimawandels verelendeten große Landteile, die nicht mehr zur Landwirtschaft genutzt werden konnten.

UNO: War der Klimawandel schon damals in deiner Community ein Thema oder hat sich erst später ein Bewusstsein dafür entwickelt?

M.: Leider nicht. Als ich in Syrien war, haben sich nicht viele Menschen mit dem Klimawandel beschäftigt und er war kein Thema. Unsere Regierung hat nichts dagegen unternommen oder darüber aufgeklärt. Sie ist sehr korrupt und besitzt keinerlei Klimabewusstsein. Heute ist den meisten Menschen die Thematik des Klimawandels nicht bewusst, die Armut und ihre Lebenssituation ist für sie natürlich viel dringender.

UNO: Gibt es heute Auswirkungen des Klimawandels, die die Communities momentan noch spüren? Gibt es aktuell immer noch Abwanderungsbewegungen von dem Land Richtung Stadt?

M.: Das lässt sich aktuell kaum sagen. Viele Menschen sind aufgrund des Krieges geflohen, mehr als 6,6 Millionen Menschen ins Ausland und 6,7 Millionen innerhalb des Landes. Im Land ist zu viel Anderes passiert als dass sich das sagen lassen würde.
Wenn Menschen jetzt innerhalb des Landes fliehen, dann hat das andere Gründe.

UNO: Bist du noch in Kontakt mit Bekannten/Freunden in der Region in Kontakt?

M.: Natürlich. Aktuell berichten sie hauptsächlich von der Armut, in der sie leben müssen. Die meisten können nicht gut leben, oft gibt es zu wenig Lebensmittel, weil es an vielem fehlt. Die Situation ist in den letzten Jahren immer schlechter geworden. Viele haben keine Hoffnung mehr auf eine bessere Zukunft.

UNO: Wie kam es dazu, dass du dich so für gegen den Klimawandel engagierst?

M: Damals in Syrien oder als ich nach Deutschland gekommen bin war mir das Thema nicht bewusst. Ich habe mich zu der Zeit politisch engagiert und mich kritisch gegenüber der Regierung geäußert. Das war gefährlich für mich und ich musste das Land verlassen.
Inzwischen ist mir aber auch bewusst, was für eine entscheidende Rolle der Klimawandel gespielt hat. Wenn ich mir die arabische Welt anschauen, Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien: In allen Ländern ist zur ähnlichen Zeit die Revolution ausgebrochen und ich bin der Meinung, dass in allen Ländern die Auswirkungen des Klimawandels auch eine Rolle gespielt haben. Armut, Arbeitslosigkeit etc. – das darf man alles nicht einzeln betrachten, sondern muss sich auch die Gründe dafür anschauen.

Mir liegt auch das Thema soziale Gerechtigkeit sehr am Herzen – und auch das lässt sich nicht ohne den Klimawandel denken.

UNO: Wie nimmst du die Debatte rund um den Klimawandel in Deutschland war? Und welche Themen möchtest du in den Workshops, die du gibst, vermitteln?

M: Hier ist das Thema sehr präsent. Aber es ist auch klar: Wir sind erst am Anfang des Weges.
Auch wenn viel darüber gesprochen wird habe ich bisher nicht das Gefühl, dass viel an Lösungen umgesetzt wurde.
Wenn ich in Workshops über den Klimawandel spreche, ist es mir auch sehr wichtig, immer die Rolle des Kapitalismus und des Neoliberalismus anzusprechen. Beides sind wesentliche Gründe, die den Klimawandel vorantreiben.

UNO: Es ist unheimlich spannend, mit dir über das Thema zu sprechen. Gerade wenn wir hier im Team über Syrien sprechen, dann spielen da natürlich ganz andere Themen eine Rolle. Aber alles was du sagst zeigt einfach nochmal deutlich, dass der Klimawandel uns alle betrifft und viele bestehende Krisen auch noch zusätzlich zuspitzen kann.

M: Ich denke, dass Länder wie Syrien erst an anderen Themen arbeiten müssen, bis es effektiven Klimaschutz geben kann. Dort werden zuallererst Nahrungsmittel benötigt, mehr Bildung und Stabilität.
Aber westliche Länder können und müssen jetzt handeln. Erst wenn da aktiv gehandelt wird, können wir uns dann auch an andere Länder wenden.

UNO: Was müsste in der deutschen Diskussion rund um den Klimawandel noch eine größere Rolle spielen?

M: Zunächst bin ich der Meinung, dass Klimawandel als Fluchtgrund anerkannt werden sollte. Aber das löst natürlich nicht das Problem. Die Rolle des Kapitalismus sollte stärker in den Vordergrund gerückt werden und man muss sich fragen, ob ein ständiges Wirtschaftswachstum in der Form gebraucht wird. Stattdessen müsste man über eine Transformation zu einer ökologischeren Wirtschaftsform sprechen. Und dabei müssen die Industrieländer vorangehen.

 

„Verändern sich die Lebensbedingungen derart gravierend, dass ein Überleben in der eigenen Heimat nicht mehr gewährleistet werden kann, bleibt für immer mehr Menschen kein anderer Ausweg, als ihre Heimat dauerhaft zu verlassen,“ schreibt die Deutsche Klimastiftung. „Die Vereinten Nationen befürchten, dass bis zum Jahr 2050 weltweit mehr als 200 Millionen Menschen in Folge des Klimawandels aus ihrer Heimat vertrieben werden - andere Studien gehen von noch höheren Zahlen aus.“

In diesem Beitrag erklärt die Deutsche KlimaStiftung, wie der Klimawandel und Flucht zusammenhängen können und warum sie für eine Anerkennung von "Klimaflüchtlingen" plädieren.

 

Angebote der Deutschen KlimaStiftung

Neben der Vermittlung zu den 45 Klimaschutzbotschafter*innen aus 23 unterschiedlichen Herkunftsländern für online/Präsenz-Workshopsbundesweit, biete die Deutsche KlimaStiftung auch KLIMAFLUCHT-Workshop Koffer zum Ausleihen an, inkl. Handreichung für Lehrkräfte mit Methodenideen zur Anwendung der Koffer.

Außerdem gibt es auch die Wanderausstellung KLIMAFLUCHT inkl. Ausstellungsbroschüre mit Statements der „KlimaGesichter“, die ab Juli auch online verfügbar sein wird.

 
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