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Trauer oder Trauma - Mentale Gesundheit bei Geflüchteten

Geflüchtete haben Schlimmes erlebt und vieles verloren, doch haben deshalb nicht alle mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen.

Der syrische Flüchtling Amer al-Hleil, 16, schaut aus dem Fenster der Wohnung, die er mit seiner Familie in Keserwan, Libanon, teilt. Amer leidet unter schweren Depressionen und hatte schon Selbstmordgedanken.
UNHCR/Haidar Darwish

Autorin: Viviane Rückner

Abschied schmerzt. Hoffnungslosigkeit und Angst um ihr Leben bewegen die Menschen zur Flucht, der Glaube an eine bessere Zukunft treibt sie an. Viele riskieren ihr Leben auf der Flucht und geben alles – Freunde, Familie – für eine ungewisse Zukunft auf. Alle Ziele und Träume müssen neu erdacht werden. Das Leben als Flüchtling ist dabei oft geprägt von langem Warten auf Asylentscheidungen und schlechte Chancen auf Schulbildung oder Berufseinstiege. Weltweit sind 82,4 Millionen Menschen auf der Flucht.

Das Erlebte ist für viele psychisch sehr belastend. Und doch zeigen sich Geflüchtete resilient – unter fünf Prozent leiden an schweren psychischen Störungen. Depressionen und Angstzustände sind jedoch keine Seltenheit.

Trauma und Flucht

Halas Kampf mit Depressionen

Ein ähnliches Schicksal ereilte auch Halas Familie. 2011 floh sie mit ihrem Mann und ihren Kindern aus ihrer Heimatstadt Hama in den Libanon. Der andauernde Krieg in ihrem Heimatland Syrien bedrohte ihr Leben und ließ die Zukunft hoffnungslos erscheinen. Im Libanon hatten ihre Kinder anfangs noch die Chance eine Schule zu besuchen.

Mit dem anhaltenden Konflikt wurde aber auch ihr tägliches Leben immer härter, wie für so viele andere syrische Flüchtlinge, die in die Nachbarländer geflohen sind, auch. Ihre Mittel wurden knapper und ihre Schulden höher, schließlich mussten die drei ältesten Kinder die Schule abbrechen, um zu arbeiten und das Einkommen der Familie zu verbessern. Die erneute Hoffnungslosigkeit und Zukunftslosigkeit führten zu schweren Depressionen bei Hala und ihrem ältesten Sohn. Es gibt Tage an denen Hala es nicht schafft, ihr Bett zu verlassen.

Traurig oder traumatisiert

Für diejenigen, die das Glück haben, in Komfort und Sicherheit zu leben, ist es schwer vorstellbar, welche psychologischen Auswirkungen es hat, wenn man durch Krieg, Verfolgung oder Katastrophen aus seiner Heimat vertrieben wird. Oft wird der Begriff „Trauma“ verwendet, um die Folgen der Flucht und ihre Auswirkungen auf die gewaltsam Vertriebenen zu beschreiben.

Traumatisiert sein bedeutet im klinischen Sinne jedoch etwas sehr bestimmtes – es beschreibt eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Bei PTBS empfinden die Betroffenen Stress in Situationen, in denen der Stressfaktor eigentlich nicht mehr vorhanden ist. Das führt zu lebhaften Erinnerungen und Träume darüber, was passiert ist. Betroffene wollen meist nicht daran zurückerinnert werden und denken doch die ganze Zeit daran. Mit dem Begriff „Trauma“ wird also eine ganze Bevölkerungsgruppe als psychisch krank bezeichnet, dabei ist die Realität viel komplexer.

Studien zeigen, dass die meisten Flüchtlinge mit Traurigkeit auf die Erlebnisse reagieren und nur ein kleiner Teil – nicht mehr als jeder fünfte – leichte oder mittelschwere Formen psychischer Probleme aufweist, einschließlich mittelschwerer Formen von PTBS. Drei bis vier Prozent leiden unter schweren Störungen, wie beispielsweise Psychosen oder bipolaren Störungen. Insgesamt haben 22,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Konfliktgebieten mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen.

Wider Erwarten ist PTBS demnach aber nicht die häufigste psychische Erkrankung unter Flüchtlingen. Was sich bei den meisten Geflüchteten feststellen lässt ist, dass sie verzweifelt sind, nicht gut schlafen oder gar wütend oder traurig sind – die häufigsten Probleme sind Depressionen und Angstzustände. Der Verlust eines geliebten Menschen, des sozialen Umfelds, der sozialen Stellung oder des Arbeitsplatzes kann zu Depressionen führen.

Depressionen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass Betroffene keine Hoffnung mehr für die Zukunft haben. Depressionen und Angstzustände können mit der Verbesserung der Lebensumstände gemildert werden. Die meisten Flüchtlinge jedoch befinden sich, solange ihr Asylverfahren nicht abgeschlossen ist, in einer Art Schwebezustand, durch den ihre Perspektivlosigkeit eher verstärkt wird.

Von Selbstmordgedanken zum Gewichtheben und Zurückgeben als Krankenpfleger

2014 nahm Cyrille Tchatchet für Kamerun an den Commonwealth Games in Glasgow teil. Vor dem Ende des Wettkampfes verließ er damals das Athletendorf, um nicht in sein Heimatland zurückkehren zu müssen. Er fürchtete in seinem Land um seine eigene Sicherheit. Damit landete er jedoch mit nur 19 Jahren alleine auf der Straße, ohne Pläne oder Perspektive.

Etwa zwei Monate lang lebte er obdachlos in der englischen Küstenstadt Brighton. Seine Stimmung verschlechterte sich zunehmend, er war depressiv und dachte sogar über Selbstmord nach. Tchatchet wandte sich schließlich an eine Wohltätigkeitsorganisation, die Unterstützung anbot und bekam Hilfe. Sein Asylverfahren wurde eingeleitet und er wurde in Birmingham untergebracht, hatte jedoch weiterhin mit Depressionen zu kämpfen.

Mit Gewichtheben fing er wieder an, um emotionalen Stress abzubauen und neue Motivation zu finden und war damit erfolgreich. Nachdem sein Flüchtlingsstatus anerkannt wurde nahm er an Wettkämpfen teil und stellte neue Rekorde auf. Dieses Jahr schaffte er es sogar zu den Olympischen Spielen in Tokyo.

Und das ist nicht alles: Tchatchet studierte Krankenpflege und erlangte einen erstklassigen Abschluss in Mental Health Nursing von der Middlesex University. Inspiriert wurde er dabei von den Ärzt*innen und Krankenhelfer*innen, die ihn während seiner schwersten Zeit unterstützt haben. Sein Ziel ist es der Gemeinschaft etwas zurückgeben zu können. Tchatchets Entwicklung zeigt, dass Depressionen und Angstzustände auch abklingen, oder gar ganz verschwinden können, wenn sich die eigenen Lebensumstände bessern.

Mentale Gesundheit bei Flüchtlingen

Genaue Daten zur psychischen Gesundheit bei Flüchtlingen zu bekommen ist schwierig, da sich die Situation von Flüchtlingen je nach Herkunftsland stark unterscheidet. Deutlich wurde jedoch seit 2020, dass die Corona-Krise insbesondere bei Flüchtlingen die psychische Gesundheit stark belastet hat. Die Probleme in ihren Heimatländern bleiben weiter ungelöst, die schlechte wirtschaftliche Lage nimmt vielen die letzte Existenzgrundlage und die Geflüchteten machen sich Sorgen um ihre Gesundheit, weil sie nicht wissen, wann die Pandemie endet und wie sie sich wirklich schützen können.

Mentale Gesundheit ist ein wichtiges Thema, gerade bei Flüchtlingen und darf nicht vergessen werden. Durch die Corona-Krise ist das Thema aktueller denn je. Von traumatisierten Flüchtlingen zu sprechen, malt dabei jedoch ein falsches Bild. Impliziert wird damit, dass diese Menschen Hilfe brauchen, dafür sollten jedoch weniger pathologisierende Begriffe verwendet werden. Menschen sind resilient – Geflüchtete haben Schlimmes erlebt und vieles verloren, doch haben deshalb nicht alle mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen. Wenn sie neue Hoffnungen für die Zukunft schöpfen können und wieder eine Perspektive im Leben haben, können mentale Probleme, wie bei Cyrille, nachlassen.

 

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