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2023: Mein Blick auf Stärke, Mut und Entschlossenheit

Peter Ruhenstroth-Bauer, Nationaler Direktor der UNO-Flüchtlingshilfe, über die Herausforderungen und Themen, die uns im neuen Jahr begleiten werden.

Es ist jetzt schon drei Jahre her, dass ich einen Familienvater in Amman (Jordanien) traf, der mir die Geschichte seiner Flucht mit der ganzen Familie - seiner Frau, den zwei Töchtern und dem kleinen Sohn - aus Damaskus in das sichere Jordanien erzählte. Es war für mich ergreifend zu hören, wie diese Familie der Verfolgung durch die syrischen Machthaber widerstanden hat und von heute auf morgen aus Damaskus aufgebrochen ist, um im Nachbarland der Repressalien, dem Gefängnis oder dem Tod zu entgehen. Während er berichtete, schossen ihm die Tränen in die Augen. Plötzlich stand der fünfjährige Sohn auf, ging zu seinem Vater und drückt ihn fest an sich.

An dieses, für mich so bewegende Erlebnis, musste ich letztes Jahr oft denken, wenn ich die Geschichten von Frauen aus der Ukraine hörte, die mit ihren Kindern vor den russischen Raketen flohen und in Polen, Moldau, Rumänien, Tschechien oder bei uns in Deutschland Schutz und Sicherheit fanden. Wie stark müssen diese Menschen sein, welchen Mut und welche Entschlossenheit müssen sie mitbringen, um von heute auf morgen ihre Heimat, die Familie, die Ehemänner und Väter, die Großeltern, Onkel und Tanten oder Freundinnen und Freunde zu verlassen, um woanders – ohne Sprachkenntnisse, ohne Geld, nur mit dem, was sie tragen können und den Kleidern am Leib – Schutz zu suchen.

Über 100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Ich finde, wir sprechen zu wenig darüber, welche Stärke und Zuversicht diese Menschen haben, um sich auf den oft lebensgefährlichen Weg der Flucht zu machen. Ihnen gilt mein ganzer Respekt.

Über 100 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht

Dass wir im letzten Jahr die schreckliche Marke von 100 Millionen Vertriebenen überschritten haben, liegt am Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Für die Ukrainerinnen und Ukrainer besteht seit dem 24. Februar 2022 ein Ausnahmezustand. Die Auswirkungen dieses Krieges erlebt die Ukraine jeden Tag mit neuen Angriffen und Toten. Mitten in Europa ist Krieg und wir haben die größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkrieges gesehen. Auch wir spüren hier in Deutschland bei den Energiepreisen, dass es kriegsbedingt anders läuft als in den Jahrzehnten zuvor.

12 Krisenregionen erleben katastrophale Folgen durch Russlands Krieg

Noch viel stärker aber als wir sind Flüchtlinge in zwölf Krisenregionen der Welt von diesem Krieg betroffen. Zwar hat der UNHCR große Unterstützung für seine Hilfsmaßnahmen in der Ukraine und den Nachbarländern erhalten, doch gleichzeitig wurde deutlich, dass für Programme in vielen anderen Regionen große Finanzierungslücken entstanden sind. Dort sind die Auswirkungen des Ukraine-Krieges ganz handfest zu spüren. In den zwölf Ländern – darunter Uganda, Äthiopien, Irak, Südsudan, Jemen und Bangladesch – leben mehr als 40 Millionen Menschen, für die der UNHCR zuständig ist.

Am Südsudan kann man die katastrophalen Folgen ablesen: derzeit erleben die Menschen in diesem Land bewaffnete Konflikte, Naturkatastrophen wie Überschwemmungen sowie Nahrungsmittelknappheit und wirtschaftliche Instabilität. Unsere Kolleg*innen des UNHCR sind vor Ort pausenlos im Einsatz und stellen Unterkünfte, Trinkwasser, sanitäre Einrichtungen, Nahrungsmittel, Gesundheitsversorgung und Bargeld bereit. Erschwerend kommt hinzu, dass Kostensteigerungen, Inflation und Energiekrise auch vor humanitärer Hilfe nicht haltmachen. 

Deshalb erwarten wir bei der UNO-Flüchtlingshilfe ein noch herausfordernderes Jahr 2023: Bei vielen der bestehenden Konflikte sind wirkliche Lösungen noch nicht gefunden. Weiter leiden die Schwächsten auf der Welt, darunter Flüchtlinge, Vertriebene und Staatenlose. Sie allein machen inzwischen mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung aus. Neben gewaltsamen Konflikten sind die ungleichen wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19, der weltweite Inflationsdruck, die zunehmende Armut und der Klimawandel mögliche Auslöser für Flucht und Vertreibung in 2023.

In Afrika, Süd- und Mittelamerika oder im Nahen und Mittleren Osten braucht es darum neben politischen Lösungen ein verstärktes humanitäres Engagement. Für die UNO-Flüchtlingshilfe bedeutet das, noch mehr über die Länder, deren Krisensituation nicht im medialen Scheinwerferlicht stehen, zu informieren. 

Afghanistan geht dieses Jahr in ein fünftes Jahrzehnt der Instabilität. Die Taliban höhlen sukzessive die Menschenrechte aus und verschließen Frauen und Mädchen die Teilhabe am öffentlichen Leben. Mehr als die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ist auf lebensrettende humanitäre Hilfe und Schutz angewiesen. Und der Bedarf wächst: Steigende Temperaturen und Dürreperioden haben die Auswirkungen jahrzehntelanger Konflikten noch verschärft und die Nahrungsmittelknappheit in einem Land mit über 3,5 Millionen Binnenvertriebenen verschlimmert.

Europa hat letztes Jahr, in Folge des Ukraine-Krieges, gezeigt, dass ein fairer und schneller Schutz von Flüchtlingen möglich ist, wenn alle Akteure zusammenarbeiten und Inklusion und Solidarität von Anfang an gefördert werden.

Was das UNO-Team und mich motiviert und uns Mut macht?

Das sind Sie - die Unterstützer*innen unserer Arbeit. Ohne Ihre überwältigende Solidarität mit Menschen am anderen Ende der Welt genauso wie mitten in Europa könnten wir unsere Arbeit für Geflüchtete nicht umsetzen.

Die Flüchtlingsfamilie in Amman lebt mitten in der Stadt in einer Wohnung, die der UNHCR besorgt hat. Über eine monatliche Bargeldhilfe, die auch dank der Unterstützer*innen der UNO-Flüchtlingshilfe möglich gemacht wird, kann die Familie die Miete und den täglichen Bedarf decken – selbstständig und vor allem selbstbestimmt leben. Diese Familie hat mir gezeigt, wie Schicksale positiv verändert werden können. Manchmal hilft da schon eine Spende von fünf oder zehn Euro.

Sie sind es also, die uns motivieren weiterzumachen und die Zuversicht nicht zu verlieren. Dafür mein ganzer Respekt und Dank. Wir werden gemeinsam mit diesen vielen Unterstützer*innen alles dafür tun, die breite Solidarität mit den Flüchtlingen aus der Ukraine und weltweit aufrechtzuerhalten.

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