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The most important thing

Wenn Krieg und Gewalt dein Land zerstören und du plötzlich um dein Leben rennen müsstest, was würdest du mitnehmen?

Der Fotograf Brian Sokol war mit dem UNHCR schon auf der ganzen Welt unterwegs. Dabei stellt er allen Geflüchteten, die er trifft, die gleiche Frage: Was ist das Wichtigste, das du mitgenommen hast?

Daraus entstand das Fotoprojekt "The Most Important Thing", das oft überraschende und nachdenkliche Antworten auf diese Frage liefert. In dem hier vorgestellten Teil des Projektes konzentriert sich Sokol auf Rohingyas, die nach Bangladesch geflohen sind. Der jüngste Exodus begann am 25. August 2017, als im Bundesstaat Rakhine in Myanmar brutale Gewalt ausbrach. Seitdem sind mehr als 860.000 Rohingya in Bangladesch eingetroffen. Die meisten sind Frauen und Kinder. Andere sind ältere Menschen, die zusätzliche Hilfe und Schutz benötigen. Viele berichten von extremer Gewalt und traumatischen Erlebnissen, die sie nicht vergessen können.

Einige besitzen noch immer die Gegenstände, die sie auf der Flucht mitgenommen haben, und sind die einzige Erinnerung an ihre Lieben oder an eine Lebensweise, die sie hinter sich lassen mussten.

Das Wichtigste für Nura ist das Baby, das sie auf ihrer Flucht gerettet hat. Nachdem ihre Nachbarn ermordet wurden, mussten auch Nura und ihre Kinder um ihr Leben fürchten und fliehen.
Als sie vor den Verfolgern wegrannten, hörte Nura plötzlich ein Baby schreien. Sie sah sich um und fand ein Neugeborenes, das neben seinen toten Eltern lag.

Als sie und ihre Familie schließlich in Bangladesch Schutz gefunden haben, entschlossen sich Nura und ihr Mann dazu, den Kleinen Mohammad zu nennen und ihn wie ihr eigenes Kind großzuziehen.

Die Kette, die Yacoub um seinen Hals trägt, ist das Einzige, das ihn noch an seinen Vater erinnert.
Eines Morgens verließ sein Vater das Haus, um Brennholz zu holen. Es war das letzte Mal, dass Yacoub ihn gesehen hat. Kurz darauf wurde ihr Dorf angegriffen und die Häuser angezündet. Yacoub schaffte es gerade so, seine zwei kleinen Schwestern aus den Flammen zu retten und mit ihnen in den Wald zu fliehen, um sich in Sicherheit zu bringen.
Dort versteckten sie sich für zwei Wochen, bevor sie sich sicher genug fühlten, weiterzugehen.

Inzwischen lebt Yacoub mit seinem Onkel, seinen zwei Schwestern und dem Welpen Silara in einer kleinen Hütte. Niemand weiß, was seinem Vater passiert ist.

"Hätte ich meinen Gehstock nicht gehabt, ich hätte nach Bangladesch kriechen müssen." Omar ist 102 Jahre alt und blind. Nachdem er Zeuge von brutalen Morden in einem Nachbardorf in Myanmar wurde, floh er um sein Leben. Das Einzige, das er dabei mit sich nehmen konnte, war sein Gehstock. Er orientierte sich an den Stimmen der anderen Flüchtenden, um sich zurecht zu finden und sich in Sicherheit zu bringen.
Er weint, während er die grauenvolle Geschichte erzählt. Seine Heimat hinter sich zu lassen war das Schwerste, das er je getan hat, sagt Omar. Inzwischen ist er in Bangladesch wieder mit seiner Familie vereint und hat ein wenig Frieden gefunden. "Wenn du lachst, lachen andere mit dir. Wenn du aufhörst zu lachen, stirbst du."

"Wenn wir sterben, dann sterben wir zusammen"

Es war einer der letzten Tage im August 2017, als die Häuser in ihrem Dorf in Myanmar niederbrannten. "Wenn wir sterben, dann sterben wir zusammen," war alles, was Noor ihren Kindern sagen konnte, als sie um ihr Leben rannten. Viele Nachbarn, die mit ihnen flohen, konnten sich nicht retten und wurden erschossen.

Plötzlich hörte Noor einen lauten Knall. Als sie sich umdrehte, sah sie ihre siebenjährige Tochter Roshida am Boden liegen. Bei der Explosion hatte sie ihr Bein verloren. Roshida atmete kaum noch und überlebte nur knapp. Die Familie war mehr als einen Monat unterwegs, bis sie in Bangladesch Schutz fanden. "Die Zeit war so hart, mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben," sagt Noor. "Der schlimmste Verlust, den wir erlitten haben, ist Roshidas Bein. Aber das größte Geschenk ist ihr Leben und jeder Tag, an dem ich ihre Stimme hören kann."

Das Wichtigste für Mohammed sind seine Zertifikate, die er braucht, um in Myanmar einen Job zu finden.
Der junge Mann war der Einzige aus seinem Dorf, der an der Uni studiert hat. Er stand kurz vor seinem Bachelorabschluss, als den Rohingyas verboten wurde, ihr Studium an der Sittwe Universität in Myanmar fortzusetzen.
Mohammad kehrte in sein Heimatdorf zurück und begann für die Hilfsorganisation Care zu arbeiten. Nachdem ein nahegelegenes Dorf angegriffen wurde und Mohammed miterleben musste, wie ein 10-jähriger Jungen mit Benzin getränkt und angezündet wurde, stopfte er seine Schulzeugnisse, seinen Laptop und einen Satz Kleidung zum Wechseln in eine Tasche und floh.
Kurz darauf wurde sein Dorf in Brand gesteckt, die Frauen vergewaltigt und Männer getötet. "Hier fühle ich mich nicht wohl", sagt er. "In Myanmar hatte ich ein großes Zuhause, sauberes Wasser und einen guten Job. Ich möchte zurückgehen - aber ich werde nicht gehen, wenn wir nicht die Staatsbürgerschaft erhalten."

"Ich weiß nicht, warum man mich nicht einfach hat sterben lassen," sagt Kalima unter Tränen.

Sie war gerade einmal drei Monate verheiratet, als bewaffnete Männer ihr Dorf stürmten, Häuser anzündeten und das Feuer auf die fliehenden Menschen eröffneten. Kalima musste mit ansehen, wie ihr Ehemann und ihre kleine Schwester erschossen wurden, bevor sie von einer Gruppe Männer mehrfach vergewaltigt und dann bewusstlos liegen gelassen wurde.
Als sie wieder erwachte, stand ihr Haus in Flammen. Zu Fuß floh sie gemeinsam mit ihrem Onkel und ihrer Cousine drei Tage lang nach Bangladesch.
Kalima ist gelernte Schneiderin und würde gerne wieder in den Beruf zurück. Fragt man sie, was sie am liebsten hestellt, verwandelt sich Kalima von einer weinenden, gebeugten Gestalt in eine selbstbewusste junge Frau. "Alles, was du brauchst!", sagt sie lächelnd.

Mehr Informationen rund um die Situation und das Leben der Rohingya in Bangladesch gibt es hier.

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