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Was ich von einem Flüchtlingscamp im Westen Afrikas gelernt habe

Meine Familie floh vor dem Bürgerkrieg in Liberia in ein Flüchtlingslager in das westafrikanische Guinea. Dort lernte ich Widerstandsfähigkeit und den Wert der Vielfalt.

Varlee S. Fofana, in weiß, im Flüchtlingslager Kouankan in Guinea.
@Varlee S. Fofana

Ich bin mit meinen Eltern im Flüchtlingslager Kouankan, im westafrikanischen Land Guinea aufgewachsen. Wir mussten damals nach Guinea fliehen, um dem Bürgerkrieg in unserem Heimatland Liberia zu entkommen. Die erste Zeit im Flüchtlingslager war alles andere als einfach: Ich habe plötzlich nicht mehr in einer relativ homogenen Gemeinschaft gelebt, sondern in einer, in der sich die Menschen auf verschiedenen Sprachen unterhielten und unterschiedliche Kulturen pflegten. Am Anfang war es nicht leicht, weil ich Schwierigkeiten hatte, die Menschen um mich herum zu verstehen und mit ihnen Beziehungen aufzubauen. Als jemand, der gerne Zeit mit anderen verbringt und sich unterhält, war es zunächst hart, dass meine sozialen Interaktionen durch diese sprachlichen und kulturellen Barrieren plötzlich so eingeschränkt waren.

Nichtsdestotrotz habe ich mich auf meine neue, vielfältige Gemeinschaft eingelassen und meine Liebe zum Fußball genutzt, um mich mit den anderen Flüchtlingen anzufreunden.

Das Flüchtlingslager schützte mich vor Gewalt

Jedes Jahr haben wir in unserem Lager die Jahrestage der Afrikanischen Union und der Vereinten Nationen gefeiert. Diese Feste brachten verschiedene Bezirke des Lagers zusammen, um unsere Vielfalt zu würdigen und uns an unsere Gemeinsamkeiten als Afrikaner*innen zu erinnern. An diesen Tagen vertrat ich zusammen mit anderen Kindern meines Alters die Fußballmannschaft des Bezirk 7. Unsere gemeinsame Liebe zum Spiel verband uns und milderte unser Leid und unsere Sorgen. Ich genoss die Möglichkeit, einfach nur Spaß zu haben und uns gegenseitig kennenzulernen.

Das Flüchtlingslager schützte mich vor der Gewalt des scheinbar endlosen Krieges in Liberia, aber das Leben im Lager war nicht einfach. Ich ging oft mit leerem Magen ins Bett und musste eine Reihe von Knochenjobs verrichten, um über die Runden zu kommen. Ich sammelte Holz im Wald, um es zu verkaufen, und pflügte das Ackerland meiner Nachbarn. Da meine Eltern aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr in der Lage waren, bei dieser körperlichen Arbeit mitzuhelfen, fiel der Großteil der Verantwortung auf mich. Ich war also gezwungen, schnell erwachsen zu werden, um Nahrung und Kleidung für meine Familie und mich zu besorgen.

Ich lernte, mich selbst zu versorgen und widerstandsfähig zu sein

Wenn ich in nun in meinem Leben nach der Flucht auf Herausforderungen stoße, denke ich oft an die Zeit in Kouankan zurück. Trotz allem, ich bin dankbar für meine Erfahrung dort im Flüchtlingslager.

Zum einen lernte ich dadurch, für mich selbst zu sorgen und trotz allen Leids nie aufzugeben.

Als meine Familie nach sieben Jahren im Exil nach Liberia zurückkehrte, verfolgte uns das Elend. Anstatt mich von dieser Situation entmutigen zu lassen, unterstützte ich meine Familie weiterhin, indem ich jeden Tag stundenlang Kerosin, Reisbrot, Kerzen und gekochte Eier auf der Straße verkaufte.

Zum anderen lernte ich dort, wie man mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenlebt. Das hat mir ermöglicht, mit den verschiedenen ethnischen Gruppen im Nachkriegsliberia zurechtzukommen, trotz der Vorurteile gegen meine ethnische Gruppe, der Mandingo, die überwiegend muslimisch ist.

Außerdem wurde mir das Leid anderer Menschen bewusster und ich beschloss, dabei mitzuhelfen für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft für die liberianische Jugend zu sorgen.

Meine Erfahrungen in Westafrika haben mich den Wert der Vielfalt gelehrt

In vier aufeinanderfolgenden Jahren habe ich mit der Liberia Educational and Sustainable Development Goals Initiative zusammengearbeitet, um Quiz-Bowls, Debatten und lokale Buchstabierwettbewerbe zu organisieren, bei denen Schüler*innen in fünf verschiedenen Bezirken ihre akademischen Talente und Interessen erkunden können. Durch meine Arbeit habe ich mehr über die liberischen Herausforderungen, wie die der schlechten Bildung und der Entmündigung der Jugend, erfahren.

In Zukunft möchte ich daher weitere innovative Lösungen entwickeln, um die Bildung in Liberia zu verbessern und die liberianische Jugend zu stärken. Ich hoffe, im ganzen Land kostenlose Schulen mit modernen Lerneinrichtungen einrichten zu können, um damit den Tausenden von liberianischen Kindern, die nicht zur Schule gehen, zu helfen, ihren Spaß an Bildung zu entdecken und zu verfolgen.

Meine Erfahrungen als Flüchtling in Guinea und in Liberia nach dem Bürgerkrieg haben mich nicht nur die Kraft der Resilienz und den Wert der Vielfalt gelehrt, sondern mich auch dazu inspiriert, anderen Menschen zu helfen und mich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen. Ich hoffe, dass ich an der African Leadership Academy diese Vision nutzen kann, um das Bild von Liberia und der liberianischen Jugend zu verändern.

 

Varlee S. Fofana ist Student an der African Leadership Academy in Südafrika. Er ist Liberianer, der während des liberianischen Bürgerkriegs als Flüchtling in Kouankan, Guinea, lebte. Aus dieser Erfahrung heraus wurde er zum Schreiben von Geschichten inspiriert. Er ist einer von 10 Stipendiaten des SMART Liberia Educational Advancement College Readiness Program und ein Alumnus-Botschafter der Yale Young African Scholars.

Sein Bericht über das Aufwachsen in einem Flüchtlingslager gewann den ersten Preis beim 8. Storytelling Contest von News Decoder.

Der Bürgerkrieg in Liberia brach im Dezember 1989 aus. Etwa 750.000 liberianische Zivilisten wurden entweder zu Binnenvertriebenen oder Flüchtlingen, bevor 2003 der Frieden wiederhergestellt wurde. Etwa 155.560 kehrten zwischen 2004 und 2012 mit Unterstützung des UNHCR, dem UN-Flüchtlingshilfswerk, freiwillig zurück.

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original ist hier erschienen.

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Bemerkungen

  • user
    Volkmann 27.05.2021 um 05:04
    Das ist eine Geschichte, die Mut macht. Es ist schön zu sehen, dass auch eine Rückkehr nach dem Ende des Krieges möglich ist. Nicht immer ist das möglich. Die Zahlen am Ende des Artikels zeigen, dass immerhin 80 Prozent nicht zurückgekehrt sind. Vielleicht sind sie in dem Schutzland heimisch geworden oder sie sind weiter gewandert in ein weiteres Land. Dennoch meint man es ist richtiger, wenn eine Rückkehr in die ursprüngliche Heimat möglich ist, es sei denn, die Menschen waren vorher schon unzufrieden oder unglücklich mit den Verhältnissen dort. Ich selbst habe meine Heimat verlassen als ich volljährig war. Es war nicht meine ursprüngliche Heimat, denn wir waren mehrmals in meiner Kindheit umgezogen. Vermutlich habe ich an diesem Ort, wo wir gelebt haben, als ich neun bis neunzehn war, nie richtig Wurzeln schlagen können, so dass ich danach immer wieder weiter gezogen bin. An meinem jetzigen Wohnort habe ich vor zwanzig Jahren Freunde gefunden. Dieser Wohnort ist meine Heimat geworden, auch weil ich hier jetzt eine Partnerin habe. Dennoch fühle ich mich hier manchmal fremd, nicht ganz zugehörig, wenn andere sehr stolz betonen, dass sie hier geboren sind. Meine alte Heimat habe ich in den zurückliegenden zwanzig Jahren nur zweimal besucht, das Elternhaus habe ich nur im Vorbeifahren gesehen. In einer Großstadt der Region habe ich einmal am Wochenende übernachtet. Es sind individuelle Gründe, kein Krieg, die mich von dort vertrieben habe. Dennoch fühle ich mich manchmal heimatlos, auch wenn ich seit zwanzig Jahren an einem neuen Ort heimisch geworden bin. Aus diesem Grund heraus finde ich es schön, wenn jemand in seine alte Heimat zurückkehren konnte und dort am Wiederaufbau oder an der Entwicklung seines Landes oder seiner Region mitwirken kann.