WASH-Experte von UNHCR

Mr. Toilet über den "Lebensretter" Latrine

Dominique Porteaud, Wasserexperte
Dominique Porteaud ist der UNHCR-Experte für Wasser- und Hygienefragen. (Foto: UNHCR/S.Hopper)

Dominique Porteaud ist beim UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) für Wasser und Sanitäranlagen zuständig. Der französische Ingenieur für Forstwirtschaft und Gesundheitsmanagement arbeitet rund um die Welt in Lagern für Flüchtlinge und Vertriebene. Dort plant und baut er Wasser- und Sanitäranlagen und auch Latrinen.

Im Interview berichtet er über seine Arbeit und erklärt, warum gerade Toiletten ein entscheidendes Kriterium für die Hygiene und Gesundheit im Flüchtlingslager sind:

Was ist Deine Aufgabe im Krisenfall?

Im akuten Krsienfall müssen wir schnell ein System von Latrinen aufbauen, damit die Menschen ihre Notdurft nicht draußen verrichten und Krankheiten verbreiten. Das sind vorläufige Gemeinschaftslatrinen, die man gleich am ersten Tag aufbaut und die für die ersten drei bis sechs Monate reichen. Sie sind meistens mit Plastikplanen und Material von vor Ort auf einer Plastikplatte gebaut oder vielleicht auf einem gesägten Holzbrett.

Was passiert nach dem akuten Krsienfall?

Familienlatrine im Flüchtlingslager Dadaab. (Foto: UNO-Flüchtlingshilfe/ B.Kroll)

Dann bauen wir etwas solideres. Ein Problem der Notfalllatrinen ist, dass sich jemand um sie kümmern muss. Ein Block mit fünf Latrinen zum Beispiel, kann jeden Tag von 500 Menschen benutzt werden, aber weil sie Gemeinschaftslatrinen sind, kümmert sich keiner um sie. Dafür muss man Leute anstellen. Es ist kein toller Job und deshalb auf lange Sicht nicht machbar.

Im nächsten Schritt bauen wir anstatt der Gemeinschaftslatrinen Haushaltslatrinen. Da hat dann jeder Haushalt oder zwei Haushalte eine gemeinsame Latrine. Sie gehört den Flüchtlingen und sie müssen ihre eigene Latrine sauber halten. Aber das passiert natürlich nicht immer, darum bieten wir viele Aktivitäten an, um für Hygiene und Sauberkeit zu werben. Wir kontrollieren die Latrinen, um sicher zu gehen, dass sie sauber sind und dass es eine Tür gibt, um die Privatsphäre der Frauen zu gewährleisten.

Wer baut die Latrinen?

Am Anfang ist es UNHCR zusammen mit den Partnerorganisationen. Wir bezahlen die Leute, damit sie die Gruben graben und die Infrastruktur bauen. Im Krisenfall beeilen sich alle, um ein System anzulegen. Für die Haushaltslatrinen graben die Familien die Gruben selbst und bauen die Infrastruktur auf – mit Büschen, Bäumen, Lehm – und mit technischer Hilfe der Organisation.

Was passiert, wenn keine Latrinen gebaut werden?

Ein gutes Beispiel ist Goma 1994, als eine Million Menschen über die Grenze flohen und, ich glaube, ungefähr 50.000 Menschen starben, weil es keine richtiges Sanitärsystem und Wasser gab. Ein großes Problem in Goma war, dass es unmöglich war, Latrinen zu graben, weil der Boden [Vulkangestein] so hart war. Alle Exkremente wurden verteilt und verseuchten das Wasser, das die Menschen tranken. Darum brach die Cholera aus.

Du arbeitest in der Gesundheitsabteilung von UNHCR. Warum?

Wasser und Sanitäres gehört zur Gesundheitsabteilung, weil es eine enge Verbindung zwischen den beiden gibt. Sauberes Wasser und funktionierende Sanitäranlagen bedeuten Vorbeugung. Wir verhindern, dass die Menschen Durchfall und andere Krankheiten bekommen. Die Kollegen von der Gesundheitsabteilung konzentrieren sich mehr auf die Behandlung.

Erzähl uns bitte etwas über das Wasserverteilungssystem, dass so wichtig für die Hygiene in den Lagern ist.

Das muss verbessert werden. Im Krisenfall bekommen iwr in der Regel Spendengelder, womit wir eine Menge Leitungen, Bohrlöcher usw. anlegen können. Doch nach der akuten Krise, nach einem, zwei oder drei Jahren, fließt das Geld nicht mehr so wie vorher. Darum werden die Systeme alt, die Menschen haben kein Geld, um die Leitungen zu wechseln oder sie richtig zu pflegen.

Ein gutes Beispiel ist Kenia, wo das Wassersystem in Dadaab über 460.000 Menschen versorgt. Das Lager existiert seit vielen Jahren, dort sind die meisten Borlöcher und die Wasserleitungen sehr alt und schlecht gepflegt. Darum können wir nicht genug Wasser für die Menschen liefern. Solche Situationen haben wir in vielen alten Flüchtlingslagern.

Gibt es Neuerungen bei der Technologie und dem Bau von Latrinen?

Ja, natürlich. Vor 15 Jahren grub man einfache Plumpsklos – das war´s. Jetzt reden viele Leute von Biogas [produziert durch den biologischen Abbau organischen Materials unter Abwesenheit von Sauerstoff]. Jedes Mal, wenn jemand auf die Toilette geht, entsteht Gas – Methan. Wir nutzen dieses Gas um Energie zu erzeugen und mehr und mehr Leute untersuchen die Möglichkeiten, dieses Gas als alternativen und umweltfreundlichen Treibstoff zu nutzen. Oder da gibt es noch etwas, das sich “ecosan“ nennt, ökologische Sanitärtechnik.

Und dann gibt es natürlich unterschiedliche Designs und Orte für Toiletten, was immer am Besten zu den Menschen passt. Wenn man herumreist, findet man eckige Latrinen, anderenorts runde Latrinen, einige sind aus Stoff gemacht, Plastikplanen, Bambus oder Stein. Man kann die unterschiedlichsten Arten finden und das macht es interessant, weil man viel Phantasie braucht, um die Art zu finden, die am Besten für die Kultur der Menschen geeignet ist.

Wie viele Latrinen baut UNHCR oder seine Partnerorganisationen?

Das ist schwer zu sagen. Wenn es eine Latrine auf 50 Menschen gibt, dann gibt es schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Latrinen in den Flüchtlingslagern weltweit. Vielleicht müssen wir jedes Jahr 10-15 Prozent davon ersetzen, was bedeutet, dass wir jedes Jahr 10.000-15.000 Latrinen bauen.

Was muss man kulturell berücksichtigen?

Ich werde Euch ein Beispiel erzählen, das in Indonesien nach dem Tsunami 2004 passierte: Grün ist die Farbe der Muslime, etwas, das respektiert werden muss. Eine Gruppe baute Latrinen und benutze für den Fußboden Grün – das zeigte fehlenden Respekt für die Muslime. Auch der Standort der Latrinen ist wichtig: der Rücken sollte nicht nach Mekka zeigen. Respekt für Frauen ist auch wichtig. Normalerweise trennen wir die Latrinen für Männer und für Frauen.