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Hunger, Kälte und Verzweiflung

Die Kämpfe haben aufgehört, doch Afghanistan liegt in Trümmern und die Versorgungslage ist schlecht. Millionen Afghan*innen wissen nicht, wie sie den Winter überstehen sollen.

Viele Vertriebene und Rückkehrer werden die Wintermonate in Afghanistan in selbstgebauten Verschlägen oder ungeheizten Mietwohnungen verbringen müssen, ohne zu wissen, wo sie die nächste Mahlzeit bekommen können.

So wie Safa* und ihre Schwiegermutter Bibi*, deren achtköpfige Familie vor rund drei Monaten noch im Nordosten Afghanistans zwischen die Fronten gerieten und nach Kabul floh. Kurz nach der Ankunft in der Hauptstadt wurde das Baby geboren.

Safas Ehemann, Abdul*, erklärt:

Wir haben noch zu sehr Angst, nach Hause zurück zu kehren. Und wir haben auch gar kein Zuhause mehr.

Nach einem Bombeneinschlag ist ihr Haus völlig zerstört. „Es lebt niemand mehr dort. Sie sind alle geflohen. Meine Eltern sind noch immer traumatisiert und stehen unter Schock.”

Rückkehr in eine zerstörte Heimat

Dies ist das erste Mal seit sechs Jahren, dass ich wieder zu Hause bin.

Als die Kämpfe in 2021 endlich vorüber waren, war das für ihn eine große Erleichterung, erzählt der 70-jährige Sayed Mohammad*. Endlich konnte er mit seiner Familie in sein Haus in Marja zurückkehren – einem kriegsgebeutelten Dorf in der südlichen Provinz Helmand. Sechs Jahre lang war Mohammad mit der ganzen Familie von einem Ort zum anderen gezogen, jedes Mal wenn die Kämpfe zu nahe kamen.

Doch der Anblick, der sich ihnen bei ihrer Rückkehr bot, war verheerend: Der gesamte hintere Teil des Hauses, das sich in der Nähe eines inzwischen aufgegebenen Militärstützpunkts befindet, lag in Trümmern. Im Dorf gab es kaum ein Haus, das nicht durch die Kämpfe zerstört worden war.

Jetzt lebt Mohammad mit seiner Frau und den sechs Kinder in dem einen Zimmer, das noch ein Dach hat. Über den Löchern in den Wänden haben sie Plastikplanen angebracht. „Wir haben die Tür wieder angebracht, aber nachts ist es klirrend kalt”, erzählt Mohammad.

Wie zehntausende Menschen in der vormals umkämpften Region und Millionen Vertriebene in Afghanistan, sorgt sich Mohammad nun nicht nur um den Wiederaufbau seines Hauses, sondern um das tägliche Überleben seiner Familie.

Manchmal bekommen wir Gemüse, aber meistens essen wir nur Brot und Tee. Die Kinder sind alle hungrig.

Hunger bedroht Millionen

Viele Binnenvertriebene, die in den vergangenen Monaten in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, leben in ärmlichsten Verhältnissen und haben kaum finanzielle Möglichkeiten, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Die Bauern müssen noch bis zum Frühling warten, bis sie ihre Felder bestellen können und hoffen darauf, dass die Dürre endet. Das Welternährungsprogramm warnt, dass 98 Prozent der Bevölkerung in Afghanistan nicht genug zu Essen hat und mehr als die Hälfte der Kinder unter 5 Jahren unter akuter Unterernährung leiden könnte.

Dr. Anwar sieht jeden Tag mehr mangel- und unterernährte Kinder in seiner kleinen Praxis in Marja. Er selbst war bis vor kurzem vertrieben und ist nun zurückgekommen.

Mir werden Babies gebracht, die nur die Hälfte dessen wiegen, was sie eigentlich sollen,

sagt er. Er schätzt, dass mindestens 2.000 Kinder in der Umgebung schwer unterernährt sind und sterben könnten.

Eines der Hauptprobleme sei, dass die Mütter nicht ausreichend zu Essen hätten, sagt Dr. Anwar. Außerdem gäbe es durch die Dürre nicht genug sauberes Wasser, was zu Durchfallerkrankungen und weiterem Gewichtsverlust führe. Geschwächte und unterernährte Kinder sind besonders anfällig für Krankheiten, die dann öfter als gewöhnlich zum Tod führten. Viele Kinder hätten zudem selbst bei Minusgraden keine ausreichend warme Kleidung. “Ich habe Fälle von Lungenentzündung bei einigen unterernährten Kindern,” berichtet der Arzt.

Dr. Anwar hilft in seiner kleinen Praxis wie er kann. Doch um die Ursachen des Hungerproblems zu bekämpfen braucht es noch viel mehr.

Die Auswirkungen der verheerenden Dürre sind überall sichtbar. Bewässerungskanäle sind ausgetrocknet und Salzkrusten bedecken viele Felder. Der Einsatz von Solarpumpe, um auch das Grundwasser für den Anbau von Opium - dem Rohstoff für Heroin –  zu nutzen hat den Grundwasserspiegel gesenkt, den Boden ausgetrocknet und Salzablagerungen auf den Feldern hinterlassen, die den Anbau legaler Feldfrüchte noch schwieriger machen.

Wenn es so weitergeht, werden die meisten Familien in Helmand diesen Winter noch ärmer werden als sie es jemals waren und viele werden sterben,

sagt der UNHCR-Mitarbeiter Mohammad Sadiqi.

In Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen unterstützt der UNHCR rund 22.000 zurückgekehrte Binnenflüchtlinge in Helmand. Der Schwerpunkt liegt auf der Winterhilfe: die Reparatur von Häusern, warme Kleidung, Decken und Heizmaterial.

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Afghanistan Spenden

Der Hilfsbedarf ist massiv

Um die lebenswichtige humanitäre Hilfe für 22 Millionen Menschen in Afghanistan und 5,7 Millionen vertriebene Afghan*innen und lokale Gemeinschaften in den Nachbarländern sicherzustellen, haben UN-Organisationen für das Jahr 2022 finanzielle Mittel in Höhe von mehr als 5 Milliarden US-Dollar von der internationalen Staatengemeinschaft gefordert. Die humanitäre Hilfe in Afghanistan sieht die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlicher Unterstützung, Gesundheitsdienste, Notunterkünfte sowie Wasser und sanitären Einrichtungen vor.

* Namen aus Sicherheitsgründen verändert

Vertriebene Familie in Afghanistan

So können Sie helfen

Die Menschen in Afghanistan benötigen dringend Winterhilfe, Notunterkünfte, Nahrungsmittel, Gesundheits-, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Bargeldhilfen. Der UNHCR ist vor Ort und hilft so gut er kann, doch die Gelder fehlen. Daher bitten wir Sie:

Bitte unterstützen Sie den UNHCR und seine Nothilfemaßnahmen mit Ihrer Spende!

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